Hintergrund · Geschichte & Autismus
Eine Geschichte von Diagnosen, Ausgrenzung und Selbstvertretung – in Deutschland und international
Stand: 1. November 2026 · Quellen und Aussagegrenzen am Ende des Beitrags
Wer an Autismus denkt, hat häufig bereits ein Bild vor Augen: ein zurückgezogenes Kind, einen sozial unbeholfenen Wissenschaftler, einen Menschen mit außergewöhnlichem Gedächtnis. Andere denken vor allem an schwere Behinderungen und lebenslange Unterstützung.
Einzelne Menschen können sich in solchen Darstellungen wiederfinden. Doch keine davon beschreibt das gesamte Autismus-Spektrum. Problematisch werden diese Bilder, wenn sie bestimmen, wem eine Diagnose zugetraut wird, welche Fähigkeiten jemandem zugesprochen werden und wessen Hilfebedarf ernst genommen wird.
Unsere Vorstellungen sind historisch gewachsen. Sie wurden durch medizinische Kategorien, gesellschaftliche Normen, Familienverbände und Unterhaltungsmedien geprägt. Autistische Menschen selbst konnten lange nur begrenzt mitbestimmen. Deshalb gehört zur Geschichte des Autismus auch die Frage: Wer durfte beschreiben – und wer wurde beschrieben?
Die Geschichte eines Begriffs ist nicht die Geschichte aller autistischen Menschen
Autistische Menschen gab es bereits, bevor es die heutige Diagnose gab. Ihre Lebensgeschichten lassen sich allerdings nicht einfach aus historischen Beschreibungen rekonstruieren. Begriffe wie „sonderbar“, „verschlossen“ oder „eigensinnig“ erlauben keine verlässliche nachträgliche Diagnose.
Auch das Wort „Autismus“ bezeichnete ursprünglich etwas anderes. Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler verwendete es 1911 für ein Symptom der Schizophrenie: den Rückzug in eine innere Gedankenwelt. Das entspricht nicht dem heutigen Verständnis einer neurologischen Entwicklungsbesonderheit. Die begriffliche Verbindung half jedoch, Autismus lange im Umfeld von Schizophrenie und kindlichen Psychosen zu verorten. [1]
Die Vorstellung vom „Rückzug in eine eigene Welt“ klingt bis heute vertraut. Sie legt eine bestimmte Interpretation nahe: Ein Mensch wolle keinen Kontakt. Was äußerlich wie Rückzug erscheint, kann aber unterschiedliche Gründe haben. Aus beobachtetem Verhalten allein lässt sich weder auf Beziehungswünsche noch auf inneres Erleben schließen.
Frühe Beschreibungen: Warum die Erzählung von zwei „Entdeckern“ zu kurz greift
Häufig beginnt die Geschichte mit Leo Kanner und Hans Asperger. Dabei veröffentlichte die sowjetische Kinderpsychiaterin Grunja Sucharewa bereits 1925 eine Beschreibung von Kindern, deren Merkmale heutigen Autismusbeschreibungen stark ähneln. 1926 erschien die Arbeit auf Deutsch. Sie beschrieb Schwierigkeiten ebenso wie Fähigkeiten und Interessen. Ihre damalige diagnostische Einordnung war dennoch eine andere als die heutige. [2]
Kanner veröffentlichte 1943 in den USA Fallbeschreibungen von elf Kindern. Er schilderte unter anderem Besonderheiten der Kommunikation, ein starkes Bedürfnis nach Gleichförmigkeit und ungewöhnliche Beziehungen zu Gegenständen. Sein Text ist widersprüchlich: Einerseits spekulierte er über die emotionale Distanz der Eltern. Andererseits beschrieb er die Besonderheiten ausdrücklich als angeboren. Ihn ausschließlich als Vertreter einer erziehungsbedingten Erklärung darzustellen, würde diese Spannung verdecken. [3]
Asperger veröffentlichte 1944 in Wien seine Arbeit über die damals so bezeichneten „autistischen Psychopathen“. Der historische Ausdruck entspricht nicht einfach dem heutigen Gebrauch des Wortes „Psychopath“. Auch die spätere Diagnose „Asperger-Syndrom“ war keine unveränderte Übernahme seiner Beschreibung, sondern entstand durch weitere wissenschaftliche Interpretation und Klassifikation. [7]
Diese Arbeiten dokumentieren wichtige Stationen. Sie zeigen zugleich ausgewählte Kinder, die bestimmten Einrichtungen vorgestellt wurden. Solche Fallgruppen bilden niemals automatisch die gesamte Vielfalt einer Bevölkerung ab.
NS-Medizin: Förderung und Vernichtung im selben System
Für die deutschsprachige Geschichte ist der Nationalsozialismus zentral. Dabei müssen die Orte präzise benannt werden: Asperger arbeitete in Wien, das seit dem „Anschluss“ Österreichs 1938 zum nationalsozialistischen Deutschen Reich gehörte.
Der Historiker Herwig Czech untersuchte Patientenakten und weitere Archivquellen. Seine 2018 veröffentlichte Studie dokumentiert Aspergers Anpassung an das NS-System und Überweisungen von Kindern an den „Spiegelgrund“, eine Einrichtung des nationalsozialistischen Kindermordprogramms. Sie widerspricht damit der lange verbreiteten Erzählung eines Arztes, der seine Patienten grundsätzlich vor dem Regime geschützt habe. [4]
Dabei wäre es ungenau, sämtliche dort ermordeten Kinder rückblickend als autistisch zu bezeichnen. Ebenso wenig ist eine damalige Kategorie deckungsgleich mit einer heutigen Diagnose.
Die historische Bedeutung geht über einen einzelnen Namen hinaus: Medizinische Urteile waren mit Bewertungen von Erziehbarkeit, Arbeitsfähigkeit und gesellschaftlichem Nutzen verbunden. Unterstützung für manche und tödliche Ausgrenzung anderer konnten innerhalb desselben Systems nebeneinander bestehen.
Daraus folgt keine Gleichsetzung heutiger Versorgung mit NS-Medizin. Es ergibt sich aber eine ethische Verpflichtung: Menschenwürde und Anspruch auf Unterstützung dürfen nicht davon abhängen, wie leistungsfähig oder anpassungsfähig jemand erscheint.
Nach dem Krieg: Wie aus einer Erklärung eine Schuldzuweisung wurde
In den Nachkriegsjahrzehnten verbreiteten sich vor allem in Teilen der US-amerikanischen und europäischen Fachwelt psychogene Erklärungen. Autismus wurde als Folge gestörter früher Beziehungen gedeutet. Besonders Bruno Bettelheim popularisierte die Vorstellung emotional kalter Eltern, zugespitzt im Bild der „Kühlschrankmutter“. Diese Theorie ist widerlegt. [5]
Die Belastung bestand nicht nur in einer falschen Erklärung. Eltern, insbesondere Mütter, wurden für die Entwicklung ihrer Kinder verantwortlich gemacht. Fachliche Autorität konnte ihre eigenen Beobachtungen entwerten.
Diese Geschichte sollte allerdings nicht zu einer neuen Vereinfachung führen: Weder vertraten alle Fachleute dieselbe Position, noch wechselte die gesamte Welt gleichzeitig von einem Erklärungsmodell zum nächsten.
Die heutige Forschung versteht Autismus als mit der Gehirnentwicklung verbunden; genetische und weitere biologische Faktoren spielen eine Rolle. Eine lieblose Erziehung gilt nicht als Ursache. Beziehungen und Lebensbedingungen sind dennoch bedeutsam für Wohlbefinden und Entwicklung – wie bei anderen Menschen auch. [22]
Bundesrepublik und DDR: unterschiedliche Wege zu Unterstützung
In der Bundesrepublik schlossen sich 1970 Eltern zum Vorläufer des heutigen Bundesverbands autismus Deutschland zusammen. Nach der eigenen Verbandsgeschichte fanden sie kaum gezielte Unterstützung. Elterninitiativen trugen wesentlich dazu bei, Beratung und Förderangebote aufzubauen. [9]
Damit waren Familien wichtige Akteure der Veränderung. Gleichzeitig standen zunächst besonders die Bedürfnisse von Kindern und die Perspektiven ihrer Angehörigen im Mittelpunkt. Die spätere Forderung erwachsener autistischer Menschen nach eigener Vertretung erweiterte diese Perspektive.
Die DDR darf in dieser Geschichte nicht fehlen. Die Dresdner Autismusambulanz dokumentiert eine DDR-weite Eltern-Mitarbeiter-Arbeitsgruppe im Umfeld der Diakonie sowie fachlichen Austausch mit dem Bremer Projekt. 1986 erschien ein Autismus-Heft mit dem Vermerk „nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch“, das auch außerhalb kirchlicher Einrichtungen gefragt war. [10]
Dieselbe Quelle beschreibt erhebliche Hürden beim Schulzugang und die mühsame Durchsetzung einzelner Unterrichtsmöglichkeiten. Der Dresdner Bericht ist eine lokale institutionelle Rückschau, keine vollständige DDR-Geschichte. Er macht aber sichtbar, wie stark Bildungswege von administrativen Bewertungen und dem Engagement einzelner Menschen abhingen.
Für beide deutschen Staaten wäre deshalb eine reine Fortschrittsgeschichte unzureichend: Neue Angebote konnten helfen, während Aussonderung und eingeschränkte Mitbestimmung fortbestanden.
Vom engen Krankheitsbild zum Spektrum
Einen wichtigen Beitrag zur Erweiterung des Verständnisses leisteten Lorna Wing und Judith Gould in Großbritannien. Ihre 1979 veröffentlichte Untersuchung betrachtete unterschiedliche Kombinationen sozialer, sprachlicher und wiederholender Verhaltensmerkmale. Sie trug dazu bei, über eng begrenzte Falltypen hinauszudenken. [6]
1980 wurde Autismus im US-amerikanischen Diagnosehandbuch DSM-III als eigenständige Diagnose von Schizophrenie abgegrenzt. Spätere Klassifikationen unterschieden mehrere Untergruppen. Das DSM-5 führte diese 2013 unter „Autismus-Spektrum-Störung“ zusammen; auch die ICD-11 verwendet einen übergreifenden Spektrumsbegriff. Die Grenzen älterer Untergruppen hatten sich unter anderem als diagnostisch schwer zuverlässig ziehbar erwiesen. [7]
Die Umstellung erfolgte jedoch nicht überall gleichzeitig. In Deutschland bleibt laut BfArM bis zur offiziellen Einführung der ICD-11 im jeweiligen Anwendungsbereich die ICD-10 maßgeblich. Deshalb begegnen Menschen weiterhin älteren Diagnosen in Befunden und Verwaltung. [8]
„Spektrum“ sollte dabei nicht als einfache Rangliste von „ein bisschen“ bis „sehr autistisch“ verstanden werden. Sprache, Alltagsbewältigung, sensorische Belastbarkeit und Unterstützungsbedarf können bei einer Person sehr unterschiedlich ausgeprägt sein.
Warum manche Menschen schwerer erkannt werden
Historische Vorstellungen beeinflussen auch, welche Menschen überhaupt als möglicherweise autistisch wahrgenommen werden.
Eine Metaanalyse von 2017 fand Hinweise darauf, dass Mädchen, die diagnostische Kriterien erfüllen, ein erhöhtes Risiko haben, keine klinische Diagnose zu erhalten. Das erklärt Geschlechterunterschiede nicht vollständig, zeigt aber eine relevante Verzerrung. [12]
Hinzu kommt das sogenannte Camouflaging: Manche Menschen verbergen Merkmale oder gleichen Schwierigkeiten durch erlernte Strategien aus. Äußerlich gelingende Anpassung kann dann den Aufwand dahinter verdecken. Forschungsübersichten beschreiben solche Strategien bei unterschiedlichen Geschlechtern; sie sind kein ausschließlich weibliches Phänomen. [13]
Die Konsequenz lautet nicht, ein altes Klischee durch einen festen „weiblichen Autismus-Typ“ zu ersetzen. Entscheidend ist, individuelle Entwicklungsverläufe und Schwierigkeiten ernst zu nehmen, auch wenn sie vertrauten Vorstellungen widersprechen.
Film und Fernsehen: Eine Figur wird zum Maßstab
Mit „Rain Man“ von 1988 erhielt Autismus große internationale Aufmerksamkeit. Zugleich wurde die Verbindung von Autismus, Männlichkeit und außergewöhnlicher Inselbegabung besonders einprägsam.
Die Frage ist nicht, ob ein solcher Mensch existieren kann. Die Frage ist, warum aus einer einzelnen Darstellung eine Erwartung an so viele andere wird.
Eine systematische Übersicht von 2023 zeigt ein gemischtes Bild: Fiktionale Darstellungen können Wissen und Einstellungen beeinflussen, Stereotype aber ebenso bestätigen. Sichtbarkeit bedeutet deshalb nicht automatisch angemessene Repräsentation. [14]
Ein mögliches Ergebnis enger Darstellungen sind widersprüchliche Erwartungen: Einerseits werden Fähigkeiten unterschätzt, andererseits außergewöhnliche Leistungen vorausgesetzt. Wer eloquent spricht, bekommt möglicherweise weniger Unterstützung; wer nicht spricht, wird möglicherweise auch intellektuell unterschätzt.
Ein differenzierteres Erzählen braucht deshalb mehrere Figuren, unterschiedliche Lebenslagen und Zugang zum inneren Erleben – statt immer derselben Sammlung äußerer Merkmale.
Andere kulturelle Perspektiven: Wer bestimmt, was als Autismus verstanden wird?
Eine internationale Geschichte des Autismus darf nicht ausschließlich erzählen, wie europäische und US-amerikanische Diagnosen weltweit verbreitet wurden. Sie muss auch fragen, welche Vorstellungen von menschlicher Verschiedenheit anderswo bestanden und bestehen – und wie Kolonisierung diese Vorstellungen verändert hat.
Dabei sind zwei Fragen auseinanderzuhalten: Wie wurden Menschen beschrieben, die wir heute möglicherweise als autistisch erkennen würden? Und welche eigenen Begriffe und Deutungen entwickeln Gemeinschaften im Umgang mit der heutigen Autismusdiagnose? Die zweite Frage lässt sich häufig besser belegen. Historische Erzählungen erlauben dagegen nur selten verlässliche Aussagen darüber, ob eine bestimmte Person nach heutigen Kriterien autistisch war.
Ein Beispiel bietet Aotearoa Neuseeland. Der Māori-Sprachfachmann Keri Opai entwickelte 2017 im Rahmen des Glossars „Te Reo Hāpai“ den Begriff Takiwātanga. Er leitet sich von einer Formulierung ab, die sinngemäß „in meiner, seiner oder ihrer eigenen Zeit und im eigenen Raum“ bedeutet. Opai beschreibt als Grundlage unter anderem seine langjährige Freundschaft mit einem autistischen Menschen und Gespräche über autistisches Erleben. Ihm ging es um eine respektvolle, positiv ausgerichtete Beschreibung. [18]
Der Begriff eröffnet eine andere Blickrichtung: Das eigene Tempo und die eigene Art, die Welt zu erleben, müssen nicht ausschließlich als Abweichung von einer vermeintlich selbstverständlichen Norm erscheinen.
Doch die verbreitete Aussage, „die Māori hätten Autismus schon immer so genannt“, ist historisch falsch. Neu ist das Wort; die sprachlichen und kulturellen Bezüge, aus denen es entstanden ist, reichen weiter zurück. Auch gibt es keine einzige Māori-Perspektive, die für alle Familien, Gemeinschaften und autistischen Menschen gleichermaßen spricht.
Eine 2026 veröffentlichte dialogische Studie versteht Takiwātanga deshalb als eigenständiges, kulturell eingebettetes Konzept und als Beitrag zur Dekolonisierung. Die Autorinnen betonen ausdrücklich, dass ihre Untersuchung keine allgemeingültige Auslegung für alle Māori liefert. Takiwātanga wäre nach dieser Lesart auch nicht einfach ein freundlicheres Etikett für dieselbe medizinische Kategorie. [19]
Ebenso wenig sollte daraus das romantisierte Gegenbild einer Gesellschaft ohne Ausgrenzung entstehen. Bereits eine Untersuchung von 2004 mit Angehörigen von 19 Māori-Kindern dokumentierte sehr unterschiedliche Erfahrungen: unterstützende Beziehungen und kulturelle Zugehörigkeit ebenso wie fehlendes Verständnis, verspätete Diagnosen und Versorgungslücken. Manche Familien wünschten sich besonders viel kulturelle Einbindung, andere weniger. Die Studie beschreibt konkrete Erfahrungen einer begrenzten Gruppe, keine Gesamtaussage über Māori. [20]
Auch außerhalb Aotearoas formulieren indigene Forschende eigene Perspektiven. In einem gemeinsamen Fachbeitrag von 2025 beschreibt beispielsweise der nêhiyaw-Forscher Grant Bruno aus der Samson Cree Nation in Kanada, wie Älteste, mit denen er zusammenarbeitet, individuelle Gaben autistischer Menschen würdigen. Derselbe Beitrag behandelt koloniale Gewalt, unterbrochene Wissensweitergabe und heutige Barrieren beim Zugang zu Diagnostik und Unterstützung. Es handelt sich um unterschiedliche, verortete Perspektiven – nicht um eine einheitliche „indigene Sicht“. [21]
Für die Geschichte des Autismus ist das entscheidend: Die Geschichte medizinischer Kategorien und die Geschichte gesellschaftlicher Zugehörigkeit sind miteinander verbunden, aber nicht identisch. Ein Mensch kann ohne moderne Diagnose einen anerkannten Platz in einer Gemeinschaft haben. Eine wertschätzende Sprache garantiert umgekehrt noch keine passende Unterstützung.
Die internationale Forschung ist zudem stark auf wohlhabende westliche Länder konzentriert. Erkennung, Interpretation und Zugang zur Diagnostik hängen auch von kulturellen Erwartungen, Sprache und verfügbaren Ressourcen ab. Die bekannten westlichen Meilensteine sind daher nur ein Teil einer weltweiten Geschichte. [17]
Diese Perspektiven erweitern die historische Leitfrage des Artikels: Wer durfte menschliche Verschiedenheit benennen, wessen Wissen wurde anerkannt – und wer konnte darüber mitentscheiden?
Selbstvertretung verändert die Fragen
Seit den 1990er-Jahren organisieren sich autistische Menschen verstärkt international, auch über das Internet. Das 2006 gegründete US-amerikanische Autistic Self Advocacy Network beschreibt fehlende autistische Stimmen im öffentlichen Diskurs als zentralen Gründungsanlass. [16]
In Deutschland gründete sich 2004 Aspies e. V. als Organisation von und für Menschen im Autismus-Spektrum. Die Förderung von Teilhabe und Mitsprache gehört zu den erklärten Zielen. [11]
Damit verändert sich auch der Blick auf Kommunikation. Der autistische Forscher Damian Milton formulierte 2012 das „Double Empathy Problem“: Missverständnisse zwischen autistischen und nichtautistischen Menschen können wechselseitig entstehen. Das ist ein theoretischer Gegenentwurf zu der Vorstellung, Verständigung scheitere grundsätzlich an einem einseitigen autistischen Defizit. Er erklärt nicht jede Kommunikationsschwierigkeit und hebt Unterstützungsbedarfe nicht auf. [15]
Auch Selbstvertretung ist nicht mit einer einzigen Position gleichzusetzen. Menschen mit unterschiedlichen Kommunikationsformen und umfangreichem Assistenzbedarf müssen Möglichkeiten erhalten, ihre Wünsche einzubringen. Angehörige und Fachpersonen können dazu beitragen; ihre Perspektiven ersetzen die der betreffenden Menschen aber nicht vollständig.
Was die Geschichte für heute bedeutet
Die Geschichte des Autismus verläuft nicht geradlinig von Irrtum zu Erkenntnis. Neue Forschung, alte Vorurteile, bessere Unterstützung und fortbestehende Ausschlüsse existieren nebeneinander.
Aus dieser Geschichte lassen sich drei Anforderungen ableiten: Diagnosen müssen für unterschiedliche Lebensläufe offen sein. Unterstützung muss sich an tatsächlichen Bedürfnissen orientieren. Und öffentliche Darstellungen sollten mehr zeigen als besondere Leistungen oder sichtbare Schwierigkeiten.
Autismus kann mit erheblichen Behinderungen und lebenslangem Unterstützungsbedarf verbunden sein. Andere Menschen leben weitgehend selbstständig. Bedürfnisse können sich im Laufe des Lebens verändern. Diese Vielfalt anzuerkennen bedeutet, Belastungen ernst zu nehmen und zugleich Selbstbestimmung zu ermöglichen. [22]
Die entscheidende Veränderung wäre deshalb, autistische Menschen in ihrer Verschiedenheit kennenzulernen – und ihnen Einfluss darauf zu geben, wie über ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart und ihre Zukunft gesprochen wird.
Passender Aussagencheck
Takiwātanga: Was am verbreiteten Māori-Beispiel stimmt – Aussagencheck 013
Quellen und weiterführende Literatur
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Sinzig, Judith (2016): Geschichte. S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen – Diagnostik. Historischer Überblick; inzwischen abgelaufene Leitlinienfassung, hier ausschließlich historisch verwendet. Quelle öffnen
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Revisiting the history of autism before Kanner and Asperger: a tribute to Grunya Sukhareva. Fachhistorischer Beitrag, Arquivos de Neuro-Psiquiatria. Quelle öffnen
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Kanner, Leo (1943): Autistic Disturbances of Affective Contact. Nervous Child, 2, 217–250. Historische Primärquelle; Begriffe und Bewertungen entsprechen nicht durchgehend dem heutigen Verständnis. Quelle öffnen
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Czech, Herwig (2018): Hans Asperger, National Socialism, and “race hygiene” in Nazi-era Vienna. Molecular Autism, 9, 29. Archivgestützte historische Untersuchung. Quelle öffnen
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From ‘Refrigerator Mothers’ to Empowered Advocates: The Evolution of the Autism Parent (2022). Zur Geschichte von Schuldzuweisungen und Elternvertretung. Quelle öffnen
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Wing, Lorna; Gould, Judith (1979): Severe impairments of social interaction and associated abnormalities in children: epidemiology and classification. Journal of Autism and Developmental Disorders, 9, 11–29. Historische empirische Studie. Quelle öffnen
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The Diagnosis of Autism: From Kanner to DSM-III to DSM-5 and Beyond (2021). Überblick zur Entwicklung der Diagnosekriterien. Quelle öffnen
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BfArM (2026): ICD-11: BfArM veröffentlicht Testversion der deutschen ICD-11-Übersetzung. Zum Stand der Einführung in Deutschland. Quelle öffnen
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autismus Deutschland e. V.: Informationen über den Bundesverband – Geschichte und Selbstverständnis. Institutionelle Selbstdarstellung zur Gründung 1970. Quelle öffnen
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Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden: Die Geschichte der Autismusambulanz. Lokale institutionelle Rückschau auf Unterstützung und Schulzugang in der DDR und nach 1990. Quelle öffnen
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Aspies e. V. (2025): Autismusfachtag 2025. Mit Selbstdarstellung, Gründungsjahr und Zielen des Vereins. Quelle öffnen
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Loomes, Rachel; Hull, Laura; Mandy, William Polmear Locke (2017): What Is the Male-to-Female Ratio in Autism Spectrum Disorder? A Systematic Review and Meta-Analysis. Hinweise auf diagnostische Verzerrungen. Quelle öffnen
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Cook und Kollegen (2021): Camouflaging in autism: A systematic review. Forschungsübersicht zu Strategien des Verbergens und Ausgleichens autistischer Merkmale. Quelle öffnen
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Representation of autism in fictional media: A systematic review of media content and its impact on viewer knowledge and understanding of autism (2023). Forschungsübersicht zu fiktionalen Darstellungen und ihrer Wirkung. Quelle öffnen
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Milton, Damian E. M. (2012): On the ontological status of autism: the ‘double empathy problem’. Disability & Society, 27(6), 883–887. Theoretischer Beitrag zur Wechselseitigkeit von Verständigungsproblemen. Quelle öffnen
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Autistic Self Advocacy Network: Who We Are – Our History. Selbstbeschreibung einer US-amerikanischen Selbstvertretungsorganisation. Quelle öffnen
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de Leeuw, Anne; Happé, Francesca; Hoekstra, Rosa A. (2020): A Conceptual Framework for Understanding the Cultural and Contextual Factors on Autism Across the Globe. Autism Research, 13, 1029–1050. Forschungsübersicht zu kulturellen und strukturellen Einflüssen auf Erkennung und Diagnostik. Quelle öffnen
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Opai, Keri (2017; online erneut veröffentlicht 2020): A time and space for Takiwātanga. Persönliche Darstellung des Urhebers zur Entstehung und Bedeutung des Begriffs. Quelle öffnen
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Newcombe, Nicolina; Thomas, Tania; Tawa, Maioha; Amundsen, Diana (2026): Decolonising Understandings of Autism: Takiwātanga and Intercultural Dialogue in Aotearoa New Zealand. Neurodiversity. Dialogische qualitative Untersuchung; keine repräsentative Darstellung aller Māori-Perspektiven. Quelle öffnen
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Bevan-Brown, Jill (2004): Māori perspectives of Autistic Spectrum Disorder. Untersuchung mit Eltern und whānau von 19 Māori-Kindern aus dem mittleren und südlichen Teil der Nordinsel Neuseelands. Quelle öffnen
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Bruno, Grant, und Kollegen (2025): Global Indigenous perspectives on autism and autism research: Colonialism, cultural insights and ways forward. Autism, 29(2). Fachliches Editorial mit unterschiedlichen verorteten Perspektiven; keine repräsentative Vergleichsstudie. Quelle öffnen
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Weltgesundheitsorganisation (2025): Autism. Überblick zu Entwicklungsmerkmalen, Unterstützungsbedarfen und gesellschaftlicher Teilhabe. Quelle öffnen
