Studien liefern Hinweise darauf, dass Autismus und ADHS häufiger gemeinsam mit Gelenkhypermobilität und bestimmten Bindegewebserkrankungen auftreten. Wie diese Zusammenhänge entstehen und wie weit sie sich verallgemeinern lassen, bleibt offen.
Rubrik: Forschungsstand
Wissensstatus: 🟡 Aktueller Forschungsstand
Stand der Einordnung: 25. Oktober 2026
Wenn wir über neurodivergente Erfahrungen sprechen, stehen häufig Wahrnehmung, Aufmerksamkeit oder soziale Verständigung im Mittelpunkt. Forschung zu körperlichen Begleiterscheinungen erweitert diesen Blick.
Ein Thema ist das gemeinsame Auftreten von Autismus, ADHS und Besonderheiten des Bindegewebes. Dazu liegen unterschiedliche Untersuchungen vor: Einige werten Gesundheitsregister aus. Andere untersuchen die Beweglichkeit von Gelenken und erfassen körperliche Beschwerden.
Diese Ansätze liefern ergänzende Hinweise. Sie beantworten jedoch unterschiedliche Fragen. Für eine sorgfältige Einordnung müssen wir deshalb unterscheiden, was jeweils untersucht wurde.
Zunächst die Begriffe: Hypermobilität, HSD und hEDS
Gelenkhypermobilität beschreibt eine Beweglichkeit, die über den üblichen Bewegungsumfang eines Gelenks hinausgeht. Sie kann einzelne Gelenke oder mehrere Körperregionen betreffen. Der Begriff beschreibt zunächst ein körperliches Merkmal. Hypermobilität allein bedeutet noch keine Erkrankung.
Auch Hypermobilität und Gelenkinstabilität sind nicht gleichbedeutend: Ein besonders bewegliches Gelenk muss nicht instabil sein.
Hypermobilitätsspektrumstörungen, häufig als HSD abgekürzt, bezeichnen Konstellationen mit symptomatischer Hypermobilität, für die keine andere passende syndromale Diagnose vorliegt. Dabei können beispielsweise Schmerzen oder wiederkehrende Verletzungen eine Rolle spielen. Die Begriffe und ihre Abgrenzung wurden unter anderem im Klassifikationsrahmen von Castori et al. (2017) beschrieben.
Das hypermobile Ehlers-Danlos-Syndrom, kurz hEDS, ist wiederum eine eigene klinische Diagnose. Bei Erwachsenen müssen mehrere klinische Kriterien erfüllt sein. Dazu gehören generalisierte Gelenkhypermobilität, eine festgelegte Kombination weiterer Merkmale und der Ausschluss anderer Erklärungen. Je nach Kriterienbereich spielen körperliche Merkmale, Familiengeschichte und Beschwerden eine Rolle.
Ein Beweglichkeitstest allein stellt daher keine hEDS-Diagnose. Die klinischen Kriterien erläutert der GeneReviews-Beitrag zu hEDS.
Für die folgenden Studien ist diese Unterscheidung entscheidend: Eine erhöhte Häufigkeit beweglicher Gelenke ist nicht automatisch eine erhöhte Häufigkeit diagnostizierten hEDS.
Was der aktuelle Bericht von Epic Research untersucht
Epic Research veröffentlichte am 20. August 2026 eine Auswertung von US-Gesundheitsdaten ab 15 Jahren. Die Ausgangspopulation umfasste mehr als 117 Millionen Menschen. Gruppen mit Autismus, ADHS oder beiden Diagnosen wurden Vergleichspersonen ohne dokumentierte neuroentwicklungsbezogene Diagnose nach Alter, erfasstem Geschlecht und Häufigkeit der Versorgungskontakte zugeordnet.
Bindegewebserkrankungen waren in allen drei Diagnosegruppen häufiger dokumentiert. Die stärksten Zusammenhänge fanden sich bei gleichzeitig diagnostiziertem Autismus und ADHS.
Für eine Gruppe bestimmter erblicher Bindegewebserkrankungen nennt der Bericht gerundet:
Bestimmte erbliche Bindegewebs
Personen mit dokumentierter Diagnose je 1.000 Menschen
Skala: 0–25 je 1.000. Das entspricht einem Ausschnitt von 0 bis 2,5 Prozent.
Vergleichsgruppe: ohne dokumentierte neuroentwicklungsbezogene Diagnose, nach Alter, erfasstem Geschlecht und Versorgungskontakten zugeordnet.
Zahlen als Tabelle lesen
| Gruppe | Je 1.000 |
|---|---|
| Autismus und ADHS | etwa 21 |
| Zugeordnete Vergleichsgruppe | etwa 4 |
Hierzu zählen bestimmte EDS-Formen, nicht näher bezeichnete EDS-Diagnosen und das Marfan-Syndrom. Als hEDS kodierte Fälle ordnet Epic einer anderen Auswertungskategorie zu. Die Abgrenzung beruht auf Diagnosecodes, nicht auf einer erneuten klinischen Untersuchung.
Die Zahlen beschreiben weder alle Bindegewebserkrankungen noch sämtliche hypermobilen Menschen. Diagnosedokumentation und Versorgung können die Ergebnisse beeinflussen. Eine zusätzliche Kontrollauswertung zu Nierensteinen räumte solche Verzerrungen nicht vollständig aus.
Quelle: Epic Research, Originalbericht mit Datendefinitionen und Grenzen.
Warum absolute Häufigkeiten wichtig sind
Die gerundeten Angaben entsprechen etwa 2,1 Prozent gegenüber 0,4 Prozent. Der Unterschied beträgt ungefähr 17 Personen mit dokumentierter Diagnose je 1.000 Menschen, also 1,7 Prozentpunkte. Das Verhältnis liegt bei ungefähr dem Fünffachen. Daraus lässt sich kein durch Autismus oder ADHS verursachter zusätzlicher Erkrankungsanteil ableiten.
Beide Angaben beschreiben denselben Vergleich. Die relative Angabe betont den Unterschied zwischen den Gruppen. Die absolute Angabe macht seine Größenordnung sichtbar.
Wegen der Rundung lässt sich daraus die präzise relative Kennzahl des Berichts nicht zurückrechnen.
Wie ist die Veröffentlichung geprüft worden?
Epic Research beschreibt ein eigenes Verfahren: Zwei Teams bearbeiten eine Fragestellung unabhängig voneinander, vergleichen anschließend Ergebnisse und Methoden und erstellen einen gemeinsamen Kurzbericht. Danach folgt eine zusätzliche Expertenprüfung.
Das ist ein dokumentierter Prüfprozess. Bei der Quellenangabe sollte dennoch erkennbar bleiben, dass es sich um einen Epic-Research-Kurzbericht handelt. Das Verfahren ist nicht mit dem Begutachtungsprozess einer Fachzeitschrift gleichzusetzen. Epic Research ist eine von Epic finanzierte Tochterorganisation. Methodik und organisatorischer Hintergrund.
Welche früheren Befunde gibt es?
Schwedische Registerdaten: Erkrankungsdiagnosen und weitere Diagnosen
Cederlöf et al. untersuchten 2016 schwedische Registerdaten von 1.771 Menschen mit Ehlers-Danlos-Syndrom sowie einer weiteren Gruppe von 10.019 Menschen mit Hypermobilitätssyndrom. Sie fanden unter anderem häufiger dokumentierte Autismus- und ADHS-Diagnosen als in den jeweiligen Vergleichsgruppen.
Diese Untersuchung setzt an einer anderen Stelle an: Ausgangspunkt waren EDS beziehungsweise das damalige Hypermobilitätssyndrom.
Die Register enthielten nur begrenzte Angaben zu konkreten Beschwerden und körperlichen Merkmalen. Die Autor:innen konnten zudem nicht ausschließen, dass erhöhte medizinische Aufmerksamkeit zur häufigeren Erfassung weiterer Diagnosen beitrug. Cederlöf et al., 2016.
Klinische Untersuchung: Gelenkbeweglichkeit und Beschwerden
Csecs et al. untersuchten 109 Erwachsene mit Autismus, ADHS oder Tourette-Syndrom sowie eine separate Vergleichsgruppe von 57 Personen.
Bei altersbezogenen Grenzwerten erfüllten 28,4 Prozent der neurodivergenten Gruppe die verwendete Definition generalisierter Gelenkhypermobilität, gegenüber rund 12 Prozent der Vergleichsgruppe. Die Veröffentlichung nennt für die Vergleichsgruppe im Abstract 12,5 Prozent, im Ergebnisteil 12,3 Prozent. Wegen dieser Abweichung verwenden wir hier eine gerundete Angabe. Die Untersuchung fand außerdem Zusammenhänge mit Schmerzen und Beschwerden beim Aufrichten, etwa Benommenheit.
Die Stichprobe war klein und überwiegend klinisch rekrutiert. Sie bildet deshalb nicht die gesamte neurodivergente Bevölkerung ab. Auch die Wahl der Grenzwerte beeinflusste die ermittelte Häufigkeit deutlich. Die Werte dürfen zudem nicht als Häufigkeit von hEDS gelesen werden. Csecs et al., 2022.
Autismus und Hypermobilität: Die Rolle gleichzeitig bestehenden ADHS
Glans et al. verglichen 199 autistische Erwachsene mit 419 nichtautistischen Vergleichspersonen. Gelenkhypermobilität war auch nach statistischer Berücksichtigung von Alter, Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit mit Autismus assoziiert.
Viele autistische Teilnehmende hatten zugleich ADHS. Die Autor:innen betonen deshalb, dass sich ihre Ergebnisse nur eingeschränkt auf Autismus ohne ADHS übertragen lassen.
Außerdem erfüllte die Untersuchung „symptomatischer Hypermobilität“ nicht die vollständigen diagnostischen Verfahren für HSD oder hEDS. Diese Befunde sind somit keine gesicherten HSD- oder hEDS-Diagnosen. Glans et al., 2022.
Was diese Untersuchungen gemeinsam nahelegen
🟡 Aktueller Forschungsstand
In unterschiedlichen Untersuchungen finden sich wiederholt Zusammenhänge zwischen Autismus beziehungsweise ADHS und Gelenkhypermobilität oder bestimmten Bindegewebserkrankungen.
Dass verschiedene Forschungsansätze Hinweise liefern, macht die Fragestellung relevant. Die Unterschiede zwischen den Untersuchungen begrenzen jedoch, wie wir ihre Ergebnisse zusammenfassen können.
Wir können ihre Prozentwerte nicht unmittelbar nebeneinanderstellen oder zu einer gemeinsamen Häufigkeit verrechnen. Eine Untersuchung misst körperliche Beweglichkeit. Eine andere zählt dokumentierte Diagnosen. Hinzu kommen unterschiedliche Altersgruppen, Auswahlverfahren und Vergleichsgruppen.
Auch die untersuchte Richtung ist wichtig: Die Frage „Wie häufig ist ADHS bei Menschen mit EDS?“ ist nicht dieselbe wie „Wie häufig ist EDS bei Menschen mit ADHS?“. Ein Verhältnis lässt sich nicht einfach umkehren.
Warum ein Zusammenhang noch keine Ursache erklärt
Die hier besprochenen Untersuchungen sind Beobachtungsstudien. Sie können gemeinsames Auftreten beschreiben. Sie können daraus allein nicht feststellen, wodurch es entsteht.
Glans et al. diskutieren beispielsweise gemeinsame biologische Prozesse als mögliche Erklärung. Sie betonen zugleich, dass die zugrunde liegenden Mechanismen weiter untersucht werden müssen. Ihr Querschnittsdesign erlaubt keine Aussage über die zeitliche Entwicklung. Glans et al., 2022.
🔵 Hypothese, keine gesicherte Erklärung
Eine gemeinsame biologische Grundlage ist eine Forschungsfrage. Aus den beschriebenen Zusammenhängen folgt weder, dass Hypermobilität Autismus oder ADHS verursacht, noch dass Autismus oder ADHS eine bestimmte Bindegewebserkrankung verursachen.
Auch eine statistisch berechnete „Vermittlung“ erklärt noch keinen nachgewiesenen körperlichen Wirkmechanismus. Wenn mehrere Merkmale zusammenhängen, können verschiedene Erklärungen zu ähnlichen statistischen Ergebnissen führen.
Für belastbarere Antworten wären unter anderem langfristige Untersuchungen hilfreich: mit klaren diagnostischen Kriterien, körperlicher Untersuchung und einer Auswahl von Teilnehmenden, die über spezialisierte Kliniken hinausgeht.
Körperliche Beschwerden können bedeutsam sein, auch wenn die Erklärung offenbleibt
Bei hEDS können neben Gelenkbeschwerden beispielsweise chronische Schmerzen, Erschöpfung und Störungen der autonomen Regulation auftreten. Welche Beschwerden vorliegen und wie stark sie den Alltag beeinflussen, unterscheidet sich zwischen Menschen. Diese klinischen Zusammenhänge beschreibt GeneReviews.
Das bedeutet nicht, dass solche Beschwerden bei einem neurodivergenten Menschen automatisch durch hEDS oder HSD erklärbar sind. Ebenso wenig entscheidet ein statistischer Gruppenunterschied darüber, welche Diagnose zu einer einzelnen Person passt.
🟠 Neurofacetten-Einordnung
Für Neurofacetten eröffnet diese Forschung einen Anlass, körperliche Erfahrungen im Gespräch über neurodivergentes Leben mitzudenken.
Dabei können zwei Dinge gleichzeitig gelten: Ein Mensch braucht eine offene, sorgfältige Einordnung seiner Beschwerden. Und die Forschung muss Unsicherheit darüber sichtbar lassen, wie verschiedene Merkmale zusammenhängen.
Erfahrungen können wichtige Fragen an die Forschung richten. Eine Studie kann diesen Fragen Gewicht geben, ohne jede individuelle Erfahrung zu bestätigen oder vollständig zu erklären.
Körperliche Erfahrungen verdienen Raum. Eine gemeinsame Erklärung müssen wir deshalb nicht vorschnell annehmen.
Transparenz zu diesem Artikel
Dieser Beitrag ordnet einen aktuellen Forschungsbericht anhand ausgewählter Originalstudien und klinischer Fachquellen ein. Er ist keine systematische Übersicht sämtlicher verfügbarer Forschung.
Die Zuordnung zu „🟡 Aktueller Forschungsstand“ bezieht sich auf die Zusammenhänge zwischen Autismus, ADHS, Hypermobilität und Bindegewebserkrankungen. Die klinischen Begriffserklärungen und die ausdrücklich gekennzeichneten Neurofacetten-Einordnungen haben einen anderen Wissensstatus.
Quellen
1. Bartelt K, Keane G, Franklin B, Higgs E. (2026). Neurodivergence Linked to Higher Rates of Connective Tissue Disorders. Epic Research, 20. August 2026. Originalbericht.
2. Epic Research. Epic Research Methodology. Beschreibung des Prüfverfahrens und der Organisation. Methodik.
3. Cederlöf M, Larsson H, Lichtenstein P, Almqvist C, Serlachius E, Ludvigsson JF. (2016). Nationwide population-based cohort study of psychiatric disorders in individuals with Ehlers–Danlos syndrome or hypermobility syndrome and their siblings. BMC Psychiatry, 16, 207. doi:10.1186/s12888-016-0922-6.
4. Csecs JLL, Iodice V, Rae CL, et al. (2022). Joint Hypermobility Links Neurodivergence to Dysautonomia and Pain. Frontiers in Psychiatry, 12, 786916. doi:10.3389/fpsyt.2021.786916.
5. Glans M, et al. (2022). The Relationship Between Generalised Joint Hypermobility and Autism Spectrum Disorder in Adults: A Large, Cross-Sectional, Case Control Comparison. Frontiers in Psychiatry, 12, 803334. doi:10.3389/fpsyt.2021.803334.
6. Castori M, Tinkle B, Levy H, Grahame R, Malfait F, Hakim A. (2017). A framework for the classification of joint hypermobility and related conditions. American Journal of Medical Genetics Part C, 175(1), 148–157. doi:10.1002/ajmg.c.31539.
7. Hakim A. Hypermobile Ehlers-Danlos Syndrome. GeneReviews®, University of Washington, Seattle. Klinischer Fachbeitrag, abgerufen am 25. Oktober 2026. GeneReviews.
