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„Jetzt haben plötzlich alle ADHS“ – wenn aus mehr Sichtbarkeit ein Verdacht wird

Perspektiven · Meinungsartikel · Diagnostik und Versorgung

Wenn aus mehr Sichtbarkeit ein Verdacht wird

Ein Perspektivenbeitrag darüber, wie wir über Autismus, ADHS und knappe Ressourcen sprechen — und wessen Unterstützungsbedarf dabei als berechtigt gilt.

„Heute sind ja plötzlich alle autistisch oder haben ADHS.“

Manchmal klingt der Satz beiläufig. Manchmal genervt. Häufig schwingt eine Vermutung mit: Menschen erklären gewöhnliche Schwierigkeiten zu einer Diagnose. Sie suchen ein Etikett, eine Entschuldigung oder besondere Behandlung.

In einer Zeit, in der über steigende Gesundheitsausgaben, Reformen und Einsparungen diskutiert wird, kann daraus ein weiterer Vorwurf entstehen: Diese Menschen beanspruchen Ressourcen, die eigentlich anderen zustehen.

An diesem Punkt geht es um mehr als eine ungenaue Formulierung. Es geht darum, wessen Schwierigkeiten wir ernst nehmen, wem wir eine Abklärung zugestehen und welche Bedürfnisse unter Verdacht geraten, sobald Unterstützung Geld kostet.

Mehr Diagnosen erklären sich nicht selbst

Für ADHS bei Erwachsenen ist ein deutlicher Anstieg dokumentierter Diagnosen in Deutschland belegt. Eine Untersuchung bundesweiter Abrechnungsdaten analysierte die Entwicklung zwischen 2015 und 2024. Solche Daten zeigen, was im Versorgungssystem diagnostiziert und erfasst wird. Sie erklären allein jedoch nicht, weshalb die Zahlen steigen oder ob eine einzelne Diagnose zutrifft.

Größere Aufmerksamkeit, nachgeholte Diagnosen und Veränderungen der Erfassung kommen als Erklärungen infrage. Die Untersuchung belegt keine Welle von Menschen, die sich aus Lifestyle-Gründen eine Diagnose beschaffen. Ihre Ergebnisse lassen sich auch nicht einfach auf Autismus übertragen. [1]

Die Fragen nach bislang übersehenen Menschen, Fehldiagnosen und diagnostischer Qualität sind berechtigt. Sie verlangen unterschiedliche Untersuchungen. Der Satz „Jetzt haben das alle“ beantwortet keine davon.

Auch die gegenteilige Behauptung wäre zu einfach: Nicht jede zusätzliche Diagnose lässt sich automatisch als nachgeholte Erkennung erklären. Wir müssen genauer hinsehen, statt steigende Zahlen unmittelbar als Erfolg oder Fehlentwicklung zu deuten.

Wer keine Begriffe hat, kann nicht gezielt nach Hilfe suchen

Die Frage „Warum wollen heute so viele Menschen eine Diagnose?“ lässt eine andere Frage häufig aus: Welche Möglichkeiten hatten sie vorher, ihre Erfahrungen überhaupt einzuordnen?

Man kann jahrelang Schwierigkeiten haben, ohne zu wissen, dass sie Gegenstand einer fachlichen Abklärung sein könnten. Man kann sie für persönliches Versagen halten, für mangelnde Disziplin oder für etwas, das alle anderen offenbar besser bewältigen. Wer nur ein enges Bild von ADHS oder Autismus kennt, bringt die eigene Lebensrealität möglicherweise gar nicht damit in Verbindung.

Information kann hier etwas verändern. Ein Artikel, ein Video oder die Beschreibung eines anderen Menschen kann eine Frage ermöglichen, die vorher nicht zur Verfügung stand: Könnte es eine Erklärung dafür geben? Wäre es sinnvoll, das abklären zu lassen?

Das ist zunächst eine Frage. Noch keine gesicherte Diagnose — aber auch kein Beleg dafür, dass jemand einer Mode folgt.

Neu ist manchmal nicht die Schwierigkeit. Neu ist die Möglichkeit, sie zu benennen.

Social Media kann eine Tür öffnen

Auf Social Media begegnen Menschen nicht nur diagnostischen Begriffen, sondern auch Beschreibungen des Alltags. Jemand erzählt, wie sich Schwierigkeiten bei der Handlungsplanung anfühlen. Eine andere Person beschreibt ihre Wahrnehmung oder den Aufwand, den soziale Situationen für sie bedeuten.

Solche Erzählungen können Erfahrungen verständlich machen, die in einer knappen Aufzählung diagnostischer Merkmale schwer wiederzuerkennen sind. Erfahrungswissen kann eine Brücke zur eigenen Lebensrealität bilden. Ob die vermutete Erklärung tatsächlich passt, bleibt eine weitere Frage.

Eine qualitative Studie mit zwölf autistischen Erwachsenen in Norwegen veranschaulicht diese Funktion: Die Befragten berichteten, auf Social Media Informationen über ihre Erfahrungen zu finden, die ihnen auf offiziellen Gesundheitsseiten fehlten. Zugleich betrachteten sie die Plattformen durchaus als unzuverlässige Informationsquellen. Die kleine Studie beschreibt mögliche Erfahrungen und Funktionen; sie erlaubt keine Aussage darüber, wie häufig diese in der Bevölkerung vorkommen. [2]

Die Vorstellung, Menschen würden dort lediglich unkritisch Diagnosen übernehmen, greift deshalb zu kurz. Zumindest für manche geht es auch darum, eine Sprache für ihre Erfahrungen zu finden.

Mehr öffentlich verfügbare Informationen bedeuten allerdings noch keinen gleichberechtigten Zugang zu Wissen. Verständlichkeit, Sprache und die Möglichkeit, Quellen einzuordnen, bleiben wichtig. Und wer eine mögliche Erklärung gefunden hat, hat damit noch keinen Zugang zu einer fachlichen Abklärung.

Die Qualität der Information bleibt entscheidend

Nicht jeder Beitrag ist hilfreich. Wenn verbreitete Alltagserfahrungen als eindeutige Anzeichen einer Diagnose dargestellt werden, fehlt eine wesentliche Unterscheidung. Sich in einer Beschreibung wiederzuerkennen, reicht nicht aus, um ihre diagnostische Bedeutung zu bestimmen.

Dass Fehlinformationen problematisch sein können, ist auch experimentell untersucht worden. In einer Studie mit 490 Studierenden führte die Betrachtung irreführender ADHS-TikToks zu weniger korrektem Wissen bei gleichzeitig größerem Vertrauen in das eigene Wissen. Korrekte Inhalte verbesserten dagegen das Wissen. Die Studie erfasste kurzfristige Auswirkungen und Absichten, Behandlung aufzusuchen — keine später tatsächlich gestellten Diagnosen und keine Belastung des deutschen Gesundheitssystems. [3]

Diese Grenze ist entscheidend. Aus problematischen Videos lässt sich nicht ableiten, dass Menschen, die über Social Media auf ADHS oder Autismus aufmerksam geworden sind, grundsätzlich einem Irrtum unterliegen.

Wir können Inhalte auf ihre Qualität prüfen und Menschen zugleich mit ihrer Frage ernst nehmen. Der Weg zu einer Vermutung entscheidet nicht schon darüber, ob sie zutrifft.

„Lifestyle“ unterstellt eine Absicht

Wer von einer Lifestyle-Diagnose spricht, kritisiert nicht bloß eine möglicherweise fehlerhafte diagnostische Entscheidung. Der Begriff legt nahe, dass jemand eine Diagnose möchte, um sich damit darzustellen oder Vorteile zu erhalten.

Damit wird aus einer offenen Frage nach Beschwerden und Unterstützungsbedarf bereits eine Erklärung über die Motive der Person.

Dabei muss jemand, der eine Abklärung sucht, das Ergebnis noch nicht kennen. Auch wenn sich ein Verdacht auf ADHS oder Autismus nicht bestätigt, folgt daraus nicht, dass die Schwierigkeiten erfunden waren. Eine ergebnisoffene Abklärung muss die Möglichkeit einschließen, eine andere Erklärung zu finden.

Wer erst dann Hilfe suchen dürfte, wenn die richtige Diagnose bereits feststeht, müsste die Arbeit der Diagnostik selbst erledigen.

Ebenso wenig beweist der Wunsch nach Entlastung, dass jemand eine Diagnose missbräuchlich anstrebt. Unterstützung zu benötigen und sie deshalb zu suchen, ist zunächst ein nachvollziehbarer Anlass, sich an ein Versorgungssystem zu wenden. Welche Unterstützung angemessen ist, muss anschließend geprüft werden.

Knappheit macht den Verdacht politisch anschlussfähig

Der finanzielle Druck im deutschen Gesundheitswesen ist real. Das Bundesgesundheitsministerium berichtete für das erste Halbjahr 2026, dass die GKV-Ausgaben stärker gestiegen seien als die Beitragseinnahmen. Als maßgeblichen Treiber des Ausgabenanstiegs nennt es Krankenhausbehandlungen. Aus dieser Darstellung lässt sich keine besondere Verantwortung von Menschen ableiten, die eine ADHS- oder Autismusdiagnostik suchen. [4]

Hier müssen wir unterschiedliche Ebenen auseinanderhalten. Zusätzliche Anfragen können diagnostische Angebote stärker beanspruchen. Das erklärt für sich genommen weder die Finanzprobleme der gesetzlichen Krankenversicherung noch belegt es, dass die Anfragen unberechtigt sind.

Die Erzählung von der Lifestyle-Diagnose bietet dennoch eine scheinbar einfache Erklärung für überlastete Strukturen: Zu viele Menschen verlangten unnötig Hilfe.

Darin liegt aus meiner Sicht ihre politische Gefahr. Wenn ein Bedarf schon vor seiner Prüfung als überzogen gilt, können zusätzliche Zugangshürden vernünftig erscheinen. Eine schlechtere Versorgung lässt sich dann als Schutz des Systems vor ungerechtfertigten Ansprüchen darstellen.

Das ist eine politische Einordnung einer möglichen Wirkung dieser Erzählung. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen einzelnen Äußerungen und konkreten Sparmaßnahmen ist damit nicht nachgewiesen.

Sichtbar gewordener Bedarf ist nicht automatisch künstlich erzeugter Bedarf

Wenn Informationen mehr Menschen erreichen, können auch mehr Menschen eine Abklärung suchen. Welche Anteile dabei auf bislang unerkannten Bedarf, unzutreffende Selbstvermutungen oder andere Entwicklungen zurückgehen, muss untersucht werden. Die bloße Zunahme beantwortet das nicht.

Es wäre jedoch eine problematische Vorstellung von Entlastung, wenn ein Versorgungssystem vor allem deshalb weniger beansprucht würde, weil Menschen ihre Schwierigkeiten nicht benennen können.

Ein Bedarf kann bereits bestehen, bevor er in einer Statistik erscheint. Dass er erst später erkannt wird, macht ihn nicht weniger berechtigt. Mehr Sichtbarkeit kann deshalb auch eine unangenehme Frage aufwerfen: Waren die bisherigen Angebote ausreichend für den tatsächlichen Bedarf — oder lediglich für den Bedarf, der bis dahin erkannt wurde?

Wer mehr Aufklärung befürwortet, muss sich auch damit auseinandersetzen, dass daraus zusätzliche Fragen und Versorgungsanliegen entstehen können.

Gute Diagnostik braucht Offenheit und Sorgfalt

Selbstverständlich müssen diagnostische Entscheidungen sorgfältig getroffen werden. Einzelne wiedererkennbare Eigenschaften ersetzen keine umfassende Beurteilung.

Als internationale fachliche Referenz empfiehlt beispielsweise die britische NICE-Leitlinie für die Autismusdiagnostik im Erwachsenenalter, die Entwicklungsgeschichte, gegenwärtige Schwierigkeiten sowie mögliche andere oder zusätzliche Erklärungen einzubeziehen. Sie ist keine verbindliche Vorgabe für Deutschland. [5]

Über diagnostische Qualität lässt sich konkret sprechen: Wie gründlich wird untersucht? Welche anderen Erklärungen werden berücksichtigt? Wie werden Unsicherheiten besprochen? Welche Unterstützung ergibt sich aus dem individuellen Bedarf?

Ein pauschaler Verdacht gegen Hilfesuchende trägt dazu wenig bei. Es ist widersprüchlich, Menschen wegen ihrer Selbstvermutung zu kritisieren und zugleich ihre Suche nach fachlicher Klärung abzuwerten.

Unterstützung muss sich nicht erst rentieren

Auch die Verteidigung von Versorgung verdient einen kritischen Blick. Es liegt nahe, Unterstützung damit zu begründen, dass sie später Geld sparen könne. Wo das belegt ist, ist es ein relevantes Argument.

Als alleinige Begründung wäre es jedoch zu eng. Menschen sollten angemessene Unterstützung auch dann erhalten können, wenn sie dadurch nicht produktiver werden und sich keine Einsparung berechnen lässt.

Zu einem solidarischen Gesundheitswesen gehört für mich, Bedarf sorgfältig zu prüfen und angemessen zu versorgen. Dazu gehört auch, Menschen mit unterschiedlichen Unterstützungsbedarfen nicht gegeneinander auszuspielen.

Wir müssen dafür weder jede Selbstvermutung bestätigen noch jede diagnostische Entscheidung verteidigen. Wir müssen bereit sein, genauer hinzusehen, bevor wir Menschen unterstellen, sie wollten sich auf Kosten anderer einen Vorteil verschaffen.

Ein bislang unerkannter Bedarf wird nicht dadurch unberechtigt, dass er in einer Zeit knapper Kassen sichtbar wird.

Wissensstatus dieses Beitrags

Dieser Beitrag verbindet ausgewählte Forschungsergebnisse mit einer normativen und politischen Position von Neurofacetten. Die Studien zu Social Media untersuchen unterschiedliche Fragen und sind nicht ohne Weiteres auf die deutsche Versorgung übertragbar. Die beschriebenen politischen Risiken sind eine begründete Einordnung, kein Nachweis konkreter Folgen für Reform- oder Kürzungsentscheidungen. Sprachliche Verdichtungen stammen von Neurofacetten.

Die eingangs zitierte Formulierung ist ein redaktionelles Beispiel, kein Zitat einer konkret benannten Person. Quellenstand: 25. Oktober 2026. Mehr zur Arbeitsweise und Transparenz.

Quellen und Einordnung

[1] Ivanova, M., Holstiege, J., Akmatov, M. K., Müller, D. & Kohring, C. (2025). The Incidence of AD(H)D-Spectrum Disorders in Adults: An Analysis of Nationwide Claims Data of the Statutory Health Insurance System in Germany, 2015–2024.

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Einordnung: Bundesweite Abrechnungsdaten gesetzlich versicherter Erwachsener. Erfasst werden dokumentierte Diagnosen, nicht unabhängig überprüfte Erkrankungsbeginne oder Motive der Hilfesuche. Als neu diagnostiziert gelten Fälle nach zwei diagnosefreien Vorjahren; das muss nicht die erste Diagnose im Leben sein. Änderungen der Kodierung begrenzen die Vergleichbarkeit.

[2] Skafle, I., Gabarron, E. & Nordahl-Hansen, A. (2024). Social media shaping autism perception and identity.

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Einordnung: Qualitative Interviews mit zwölf autistischen Erwachsenen in Norwegen. Erschließt Erfahrungen mit Information und Gemeinschaft; keine repräsentative Häufigkeitsschätzung und kein Nachweis der diagnostischen Treffsicherheit von Social Media.

[3] Schiros, A., Bowman, N. & Antshel, K. (2025). Misinformation mayhem: the effects of TikTok content on ADHD knowledge, stigma, and treatment-seeking intentions.

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Einordnung: Randomisiertes Experiment mit 490 Studierenden. Untersucht kurzfristige Veränderungen von Wissen, Einstellungen und Behandlungsabsichten. Keine Messung späterer Diagnosen, tatsächlicher Versorgungsnutzung oder Kosten in Deutschland.

[4] Bundesministerium für Gesundheit (4. September 2026). Finanzentwicklung der GKV im 1. Halbjahr 2026.

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Einordnung: Amtliche Darstellung zur Finanzentwicklung der gesetzlichen Krankenversicherung. Halbjahresergebnisse enthalten teilweise Schätzungen. Keine Untersuchung speziell zur ADHS- oder Autismusdiagnostik; politische Bewertungen des Ministeriums sind von den berichteten Finanzdaten zu unterscheiden.

[5] NICE. Autism spectrum disorder in adults: diagnosis and management (CG142), insbesondere Empfehlungen 1.2.5–1.2.11.

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Einordnung: Britische klinische Leitlinie als internationale fachliche Referenz. Keine verbindliche Vorgabe für Deutschland und keine Untersuchung zur tatsächlichen Qualität oder Zugänglichkeit deutscher Diagnostik.

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