Medienleitfaden · Aussagencheck 005
„ADHS ist eine Modediagnose“
Mehr Diagnosen sind ein beobachtbarer Trend. „Mode“ ist eine Erklärung, die sich daraus allein nicht ableiten lässt.
Stand · 23. Oktober 2026
Wissensstatus: Epidemiologische Forschung und aktueller Forschungsstand zur diagnostischen Versorgung. Zahlen, Erklärungen und Bewertungen werden getrennt. Die genaue Bedeutung von Überdiagnostik unterscheidet sich zwischen Veröffentlichungen.
Was wird behauptet?
„ADHS ist eine Modediagnose – heute bekommt doch jeder diese Diagnose.“
Die Formulierung ist ein redaktionelles Beispiel, kein Zitat aus einem konkret benannten Medienbeitrag.
„Modediagnose“ ist hier keine wissenschaftlich definierte Messgröße. Die Aussage verbindet einen möglichen Anstieg der Diagnosen mit der Unterstellung, die zusätzlichen Diagnosen seien vor allem Ausdruck eines Trends und medizinisch nicht gerechtfertigt. Für diese Erklärung reicht eine steigende Kurve nicht aus.
Was zeigt die Forschung?
1. In Deutschland werden mehr Erwachsene erstmals diagnostiziert
Ivanova et al. (2025) untersuchten bundesweite vertragsärztliche Abrechnungsdaten gesetzlich versicherter Erwachsener. Die erfasste jährliche Diagnoseinzidenz von AD(H)S-Spektrum-Störungen stieg von 8,6 je 10.000 im Jahr 2015 auf 25,7 im Jahr 2024. Das entspricht einem relativen Anstieg von 199 Prozent. Die Daten für 2024 waren vorläufig. [1]
Gemessen wurden erstmals im untersuchten Datenbestand erfasste Diagnosen nach der Falldefinition der Studie, nicht der Zeitpunkt, an dem ADHS entstanden ist. Außerdem wurden mehrere Diagnosecodes einbezogen; die Einführung eines Codes im Jahr 2019 erschwert die Vergleichbarkeit. Die Zahlen belegen weder, dass alle zusätzlichen Diagnosen falsch sind, noch, dass sie ausschließlich bisher übersehene Fälle abbilden. [1]
2. Diagnosehäufigkeit und Bevölkerungshäufigkeit sind verschiedene Größen
Polanczyk et al. (2014) fanden nach Berücksichtigung methodischer Unterschiede zwischen Studien zu Kindern und Jugendlichen keinen zeitlichen Anstieg der Prävalenzschätzungen für die untersuchten Jahrzehnte bis 2012. Daraus folgt keine gesicherte Aussage über die gesamte heutige Bevölkerung oder die Zeit nach der Pandemie. [2]
Martin et al. (2025) sichteten 40 Studien mit Daten ab 2020. Die Übersicht fand keinen eindeutigen Beleg für einen allgemeinen Prävalenzanstieg, verweist aber auf erhebliche Datenlücken. Nur vier Studien hatten ein niedriges Verzerrungsrisiko; auch sie erfassten dokumentierte oder von Eltern berichtete Diagnosen. Die Bevölkerungshäufigkeit unabhängig von Erkennungs- und Versorgungsbedingungen lässt sich damit nicht sicher bestimmen. [3]
Auch Erhebungsmethoden beeinflussen die Ergebnisse: Popit et al. (2024) berichten deutlich unterschiedliche zusammengefasste Schätzungen aus Registern, Befragungen und klinischen Erhebungen. Solche Werte sind keine austauschbaren Maßstäbe. Aus ihrer Differenz lässt sich nicht einfach die genaue Zahl unerkannter Fälle berechnen. [4]
3. Hinweise auf Überdiagnostik verdienen eine genaue Einordnung
Kazda et al. (2021) fanden in einer systematischen Scoping-Review von 334 Arbeiten Hinweise auf Überdiagnostik und Überbehandlung bei Kindern und Jugendlichen, insbesondere im Zusammenhang mit zusätzlich erfassten milderen Fällen. Nur fünf Studien untersuchten die zentrale Frage nach Nutzen und Schaden gerade dieser zusätzlichen milderen Fälle. [5]
Die Review versteht Überdiagnostik als Diagnose, deren Gesamteffekt für die Person ungünstig ist. Das ist nicht dasselbe wie eine Verwechslung mit einer anderen Erkrankung oder eine falsch-positive Diagnose. Sie liefert keine allgemeine Fehlerquote für ADHS-Diagnosen und untersuchte keine Erwachsenen. [5]
4. Diagnostische Qualität lässt sich nicht an der Popularität eines Begriffs ablesen
Die NICE-Leitlinie verlangt eine umfassende klinische, psychosoziale und entwicklungsbezogene Beurteilung. Fragebögen oder Beobachtungsdaten allein reichen nicht für eine Diagnose. Relevant sind auch Beeinträchtigungen und das Auftreten von Symptomen in mehreren Lebensbereichen. Einzelne wiedererkennbare Alltagserfahrungen ersetzen diese Abklärung nicht. [6]
Der britische Abschlussbericht vom Oktober 2026 unterscheidet ausdrücklich Bevölkerungshäufigkeit, dokumentierte Diagnosen, Nachfrage nach Abklärung und ungedeckten Bedarf. Er betont zugleich die begrenzten aktuellen Bevölkerungsdaten zu ADHS. Als gesundheitspolitische Evidenzsynthese ergänzt er die Studien; er ist keine neue repräsentative Prävalenzmessung. [7]
Was bleibt offen?
Wie stark bessere Erkennung, veränderte Kriterien, Zugänge zur Diagnostik, diagnostische Fehler oder Veränderungen tatsächlicher Schwierigkeiten zu einem Anstieg beitragen, lässt sich nicht pauschal beziffern. Die Anteile können je nach Land, Altersgruppe und Versorgungssystem unterschiedlich ausfallen.
Hinweise auf unerkannte Fälle schließen Über- oder Fehldiagnosen in anderen Gruppen nicht aus. Umgekehrt belegt die Möglichkeit einzelner Fehlentscheidungen keine generelle Überdiagnostik. Eine Diagnosekurve allein entscheidet keine dieser Fragen.
Auch die Erklärung „Das liegt an Social Media“ braucht eigene Untersuchungen. Mehr Sichtbarkeit, Selbstidentifikation und eine fachlich gestellte Diagnose sind unterschiedliche Vorgänge. Die hier eingeordneten Trendstudien erlauben keine kausale Aufteilung ihres Einflusses.
Welche Schlussfolgerungen sind nicht zulässig?
- „Die Zahl steigt, also sind die zusätzlichen Diagnosen unberechtigt.“
- „Alles ist ausschließlich bessere Erkennung; Überdiagnostik kommt nicht vor.“
- „Eine hohe Zahl positiver Selbsttests entspricht der Zahl gesicherter Diagnosen.“
- „Wer erst als erwachsene Person diagnostiziert wurde, hat ADHS erst dann entwickelt.“
- „Ein einzelner internationaler Prävalenzwert zeigt genau, wie viele Menschen in Deutschland diagnostiziert sein müssten.“
Wie lässt sich die Aussage präziser formulieren?
„In verschiedenen Versorgungssystemen werden mehr ADHS-Diagnosen dokumentiert, besonders auch bei Erwachsenen. Der Anstieg allein belegt keine ‚Modediagnose‘. Erkennung, Versorgung und diagnostische Qualität müssen getrennt untersucht werden; Hinweise auf Überdiagnostik in bestimmten Gruppen und bislang unerkannte Fälle können nebeneinander bestehen.“
Neurofacetten-Verdichtung: eigener Formulierungsvorschlag auf Grundlage der eingeordneten Befunde. Er muss zum konkret recherchierten Gegenstand passen.
Redaktionelle Prüffragen
- Was wurde gezählt: Symptome, positive Screenings, erstmalige Diagnoseeinträge, Personen mit dokumentierter Diagnose oder Verordnungen?
- Welche Altersgruppe, welches Land, welcher Zeitraum und welche Falldefinition gelten?
- Sind die Zahlen über die Zeit methodisch vergleichbar, auch hinsichtlich Diagnosecodes und Datenzugang?
- Wurde Überdiagnostik direkt untersucht oder nur aus einem Anstieg vermutet? Was bedeutet der Begriff in der Quelle?
- Wird zwischen wissenschaftlichem Befund, möglicher Erklärung und redaktioneller Bewertung unterschieden?
Quellen und Einordnung
Quellenstand: 23. Oktober 2026. Dies ist eine gezielte redaktionelle Literaturrecherche, keine eigene systematische Review. Die folgenden Quellen erläutern die verwendeten Befunde und ihre Grenzen. Studien, Leitlinien und gesundheitspolitische Berichte haben dabei unterschiedliche Aussagekraft.
[1] Ivanova, M. et al. (2025). The incidence of AD(H)D spectrum disorders in adults: An analysis of nationwide claims data of the statutory health insurance system in Germany, 2015–2024.
DOI: 10.3238/arztebl.m2025.0167 · Quelle öffnen
Einordnung: Bundesweite Abrechnungsdaten gesetzlich Versicherter; Diagnoseinzidenz eines breiter definierten Spektrums. Mehrere Codes, Kodierungsänderung ab 2019 und vorläufige Werte für 2024 beachten. Keine direkte Prüfung der einzelnen Diagnosen oder der Ursachen des Anstiegs.
[2] Polanczyk, G. V. et al. (2014). ADHD prevalence estimates across three decades: an updated systematic review and meta-regression analysis.
DOI: 10.1093/ije/dyt261 · Quelle öffnen
Einordnung: Systematische Übersicht und Metaregression zu Kindern und Jugendlichen; 135 Studien im multivariaten Modell. Historischer Beobachtungszeitraum bis 2012. Keine aktuelle Messung nach 2020.
[3] Martin, A. F. et al. (2025). The changing prevalence of ADHD? A systematic review.
DOI: 10.1016/j.jad.2025.119427 · Quelle öffnen
Einordnung: Systematische Übersicht mit Erhebungsdaten von Januar 2020 bis Februar 2024; wegen sehr großer Heterogenität wurde keine gepoolte Gesamtprävalenz berichtet. Unterschiedliche Messverfahren und überwiegend erhöhte Verzerrungsrisiken begrenzen Aussagen über Veränderungen. Ein ausbleibender eindeutiger Nachweis ist kein Nachweis völliger Stabilität.
[4] Popit, S. et al. (2024). Prevalence of attention-deficit hyperactivity disorder (ADHD): systematic review and meta-analysis.
DOI: 10.1192/j.eurpsy.2024.1786 · Quelle öffnen
Einordnung: 103 Studien in der Metaanalyse; Literaturrecherche bis 1. Februar 2024. Die Übersicht macht Unterschiede zwischen Erhebungsverfahren sichtbar. Keine direkte Messung eines aktuellen deutschen Diagnosedefizits.
[5] Kazda, L. et al. (2021). Overdiagnosis of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder in Children and Adolescents: A Systematic Scoping Review.
DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2021.5335 · Quelle öffnen
Einordnung: Systematische Kartierung von 334 Arbeiten, keine gepoolte Fehlerquote. Eigenes Nutzen-Schaden-Verständnis von Überdiagnostik; wichtige Evidenzlücken bei zusätzlichen milderen Fällen. Ergebnisse nicht pauschal auf Erwachsene übertragen.
[6] NICE. Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (NG87), insbesondere Empfehlungen 1.3.1–1.3.3.
Einordnung: Britische Leitlinie zur diagnostischen Beurteilung; keine Prävalenzstudie und keine deutsche Versorgungsleitlinie. Die Einordnung hier betrifft die Anforderungen an Diagnostik, nicht eine individuelle Diagnose oder Behandlungsempfehlung.
[7] Independent review into mental health conditions, ADHD and autism: executive summary (2026). Department of Health and Social Care, UK.
Einordnung: Abschlussbericht veröffentlicht am 9. Oktober 2026; Publikationsseite zuletzt am 21. Oktober aktualisiert. Gesundheitspolitische Synthese unterschiedlicher Evidenzformen mit Schwerpunkt England. Keine neue Bevölkerungsstudie und nicht unmittelbar auf Deutschland übertragbar.
