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Medienleitfaden · Aussagencheck 008

„Autistische Menschen denken oft in Bildern“

Für manche Menschen ist bildhaftes Denken eine treffende Selbstbeschreibung. Forschung zu inneren Bildern, visuellen Fähigkeiten und Denkpräferenzen untersucht jedoch unterschiedliche Fragen.

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Stand · 23. Oktober 2026

Wissensstatus: Aktueller Forschungsstand mit unterschiedlichen Befunden. Persönliche Erfahrungen, experimentelle Aufgaben und theoretische Erklärungen werden unterschieden. Die Empfehlungen zur Berichterstattung sind redaktionelle Einordnungen von Neurofacetten.

Was wird behauptet?

„Autistische Menschen denken oft in Bildern.“

Die Formulierung ist ein redaktionelles Beispiel, kein Zitat aus einem konkret benannten Medienbeitrag.

Das Wort „oft“ kann Verschiedenes meinen: dass viele autistische Menschen vorwiegend bildhaft denken, dass sie häufiger als nichtautistische Menschen Bilder nutzen oder dass eine einzelne Person häufig innere Bilder erlebt. Diese Behauptungen brauchen unterschiedliche Belege. Ein universeller visueller Denkstil lässt sich aus den hier betrachteten Studien nicht ableiten.

Was zeigt die Forschung?

1. „Visuell“ bezeichnet nicht nur eine Fähigkeit

Eine Person kann innere Bilder als besonders lebhaft erleben, räumliche Beziehungen gut verarbeiten oder bei bestimmten Aufgaben visuelle Strategien bevorzugen. Das ist nicht dasselbe. Fragebögen zur Lebhaftigkeit innerer Bilder messen zudem etwas anderes als Aufgaben, bei denen Figuren gedanklich gedreht werden. Auch Objektvorstellungen und räumliche Vorstellungen werden in der Forschung unterschieden. [2]

Die Frage „Wie oft nutze ich Bilder?“ ist deshalb von „Wie deutlich erlebe ich sie?“ und „Wie gut löse ich eine visuelle Aufgabe?“ zu trennen. Ein gutes Testergebnis gibt für sich allein keinen unmittelbaren Einblick in das subjektive Erleben.

2. Es gibt Hinweise auf häufiger berichtetes bildhaftes Denken

Bled et al. (2021) verglichen 39 autistische mit 80 nichtautistischen Erwachsenen. Die autistische Gruppe berichtete in mehreren Alltagssituationen häufiger visuelle Vorstellungen und beschrieb diese eher als detailreich. Zugleich berichteten einige autistische Teilnehmende nur eine begrenzte Nutzung innerer Bilder. Die freiwillige Online-Stichprobe war überwiegend weiblich und spät diagnostiziert; viele unvollständige Antworten wurden ausgeschlossen. Die Ergebnisse liefern keine Bevölkerungsquote. [1]

Die Clusteranalyse von Bled et al. (2026; online 2024) beschreibt drei Präferenzprofile bei 43 autistischen und 42 nichtautistischen Erwachsenen. Alle Profile kamen in beiden Gruppen vor. Das bildhafte Profil war in der autistischen Gruppe am häufigsten. Bei den visuellen Fragebogenskalen gab es jedoch keinen gesicherten Gruppenunterschied; die autistische Gruppe bewertete ihre verbalen Präferenzen niedriger. Die kleine Stichprobe und die nicht überprüfte Vergleichbarkeit der Fragebogenmessung zwischen den Gruppen begrenzen die Aussagekraft. Die Profile sind keine festen Menschentypen. [2]

3. Aufgabenbefunde zeigen keinen durchgängigen visuellen Vorteil

Bled et al. (2024) untersuchten vier Teilprozesse mentaler Vorstellung bei 44 autistischen und 42 Vergleichspersonen. Bei Bilderzeugung und mentaler Rotation zeigte sich kein statistisch gesicherter Gruppenvorteil. Beim Erinnern visueller Muster schnitt die autistische Gruppe im Mittel besser ab; die ergänzende bayesianische Auswertung lieferte hierfür allerdings nur schwache Evidenz. Die Befunde zum gedanklichen Absuchen hingen auch vom Auswertungsverfahren ab. Die Aufgaben messen weder die Alltagshäufigkeit bildhaften Denkens noch unmittelbar die Lebhaftigkeit innerer Bilder. Menschen mit einem IQ unter 80 waren ausgeschlossen. [3]

4. Auch wenig oder keine willentlichen inneren Bilder kommen vor

Visuelle Aphantasie bezeichnet fehlende oder stark eingeschränkte willentlich erzeugbare visuelle Vorstellungen; die verwendeten Grenzwerte unterscheiden sich zwischen Studien. In der Clusteranalyse erreichten jeweils drei autistische und nichtautistische Personen den dort verwendeten Aphantasiegrenzwert. Einige Teilnehmende mit Aphantasie gehörten zugleich zu einem Profil mit guten räumlichen Leistungen. Fehlende lebhafte innere Bilder und Schwierigkeiten bei räumlichen Aufgaben sind daher nicht gleichzusetzen. Die kleine Stichprobe liefert keine repräsentative Aphantasiequote. [2]

Taylor et al. (2026) fanden in einer Online-Stichprobe von insgesamt 595 Erwachsenen einen eher kleinen Zusammenhang (r = −0,20) zwischen höheren autistischen Merkmalswerten und weniger lebhaften visuellen Vorstellungen. In der als diagnostiziert eingeordneten autistischen Gruppe lagen häufiger Fragebogenwerte im Aphantasiebereich vor. Diagnosen wurden berichtet, nicht im Rahmen der Studie neu klinisch erhoben. Die Gruppen umfassten 254 Personen mit berichteter Diagnose, 61 selbstidentifizierte und 256 nichtautistische Personen; weitere 24 gingen nur in die Gesamtanalysen ein. Als Aphantasiebereich galt ein VVIQ-Wert von 16–32. Die Studie fand außerdem kaum Hinweise auf einen bedeutsamen Zusammenhang zwischen Vorstellungslebhaftigkeit und sensorischer Empfindlichkeit. [4]

Arnold et al. (2026) rekrutierten 327 Personen mit selbstberichteter formaler Autismusdiagnose und 327 Vergleichspersonen aus einer nicht auf Autismus gescreenten Allgemeinbevölkerungsstichprobe. Die zentralen Gruppenvergleiche verwendeten eine anhand eines zusätzlichen AQ-Grenzwerts ausgewählte autistische Teilgruppe von 242 Personen. Es fand sich kein statistisch gesicherter Unterschied in der Häufigkeit visueller Aphantasie; das beweist keine identischen Häufigkeiten. Die Definition war besonders streng: durchgehend keine willentliche visuelle Vorstellung im verwendeten Fragebogen. Auch bei einer zusätzlichen Grenze für schwache Vorstellungen ergab sich kein gesicherter visueller Häufigkeitsunterschied. [5]

5. Selbstbeschreibungen sind wichtig – und beantworten eine andere Frage

Bouvet und Guillon (2024) analysierten gezielt ausgewählte Forumsberichte von 77 Menschen, die sich als autistisch bezeichneten und bildhaftes Denken beschrieben. Die Auswertung orientierte sich zunächst an Temple Grandins Erfahrungsbeschreibung und wurde um neue Kategorien ergänzt. Sie beschreibt beispielsweise den berichteten Aufwand, Bilder in Worte zu übersetzen. Diagnosen wurden nicht überprüft; Berichte über andere Denkweisen waren ausgeschlossen. Daraus lässt sich weder eine Häufigkeit noch eine allgemeine Ursache für Kommunikationsschwierigkeiten ableiten. [6]

Was bleibt offen?

Die Studien verwenden unterschiedliche Begriffe, Fragebögen, Aufgaben und Auswahlwege. Ein Zusammenhang mit autistischen Merkmalswerten ist nicht automatisch ein Unterschied zwischen klinisch diagnostizierten Gruppen. Höhere Häufigkeit der Bildnutzung und geringere Lebhaftigkeit wären zudem nicht zwingend ein Widerspruch, weil sie verschiedene Eigenschaften erfassen.

Viele Befunde stammen aus online erreichbaren Erwachsenenstichproben. Aussagen über Kinder, nicht oder wenig sprechende Menschen oder Menschen mit intellektueller Behinderung brauchen passende Untersuchungen. Der Check liefert keine repräsentative Häufigkeit für ein bildhaftes Denken im gesamten Autismus-Spektrum.

Welche Schlussfolgerungen sind nicht zulässig?

„Autistische Menschen denken grundsätzlich in Bildern und nicht in Worten.“

„Wer nicht bildhaft denkt, kann nicht autistisch sein.“

„Gute räumliche Testleistungen beweisen besonders lebhafte innere Bilder.“

„Sensorische Überempfindlichkeit bedeutet automatisch besonders intensive Vorstellungskraft.“

„Eine Person ohne willentliche innere Bilder hat keine Fantasie oder Kreativität.“

„Aus einer bevorzugten Denkweise folgt automatisch die passende Lern- oder Kommunikationsform.“

Wie lässt sich die Aussage präziser formulieren?

„Manche autistische Menschen beschreiben ein stark bildhaftes Denken. Einzelne Studien finden häufiger berichtete visuelle Vorstellungen oder bestimmte visuelle Profile. Andere Befunde zeigen wenig lebhafte oder fehlende willentliche innere Bilder. Wie eine Person denkt und welche Darstellung ihr hilft, sollte individuell erfragt werden.“

Neurofacetten-Verdichtung: eigener Formulierungsvorschlag auf Grundlage der eingeordneten Befunde.

Redaktionelle Einordnung von Neurofacetten: Eine Selbstbeschreibung wie „Ich denke in Bildern“ darf für die betreffende Person stehen bleiben. Sie muss weder als allgemeines Autismusmerkmal erzählt noch durch ein anderes Gruppenklischee ersetzt werden. Visuelles Denken ist auch keine Leistung, die autistische Menschen vorweisen müssen, um Anerkennung oder Unterstützung zu verdienen.

Für Interviews und Erklärangebote empfiehlt Neurofacetten, nach hilfreichen Formaten zu fragen und Wahlmöglichkeiten anzubieten. Eine Diagnose allein entscheidet nicht, ob Bilder, gesprochene Erklärungen, Schrift, Beispiele oder Kombinationen für jemanden zugänglich sind.

Redaktionelle Prüffragen

Was meint der Beitrag mit „in Bildern denken“: Nutzung, Lebhaftigkeit, Strategie oder Testleistung?

Ist „oft“ eine Häufigkeitsangabe, ein Gruppenvergleich oder die Beschreibung einer Person?

Wurden Diagnosen, selbstberichtete Diagnosen oder Merkmalswerte untersucht?

Welche Menschen waren in der Stichprobe vertreten, und wer wurde nicht erfasst?

Werden persönliche Selbstbeschreibungen respektiert, ohne sie zu verallgemeinern?

Wird ein Denkprofil zur Erwartung an alle autistischen Menschen oder zu einer ungeprüften Empfehlung für Lernformen?

Quellen und Einordnung

Quellenstand: 23. Oktober 2026. Gezielte redaktionelle Literaturrecherche, keine eigene systematische Review. Die verwendeten Aussagen wurden anhand zugänglicher Volltexte und der unten benannten Fassungen geprüft. Bei Taylor et al. wurden auch die ergänzenden Materialien abgeglichen. Jahresangaben unterscheiden Online-Erstveröffentlichung und Heftjahr.

[1] Bled, C., Guillon, Q., Soulières, I. & Bouvet, L. (2021). Thinking in pictures in everyday life situations among autistic adults.

DOI: 10.1371/journal.pone.0255039 · Quelle öffnen

Einordnung: Online-Selbstbericht von 39 autistischen und 80 Vergleichspersonen. Methoden und Diskussion im Volltext geprüft. Hoher Ausschluss unvollständiger Antworten und selbstselektierte, überwiegend weibliche und spät diagnostizierte Stichprobe; keine repräsentative Häufigkeitsschätzung.

[2] Bled, C. et al. (2026; online zuerst 2024). Evaluation of a Visual Cognitive Style in Autism: A Cluster Analysis.

DOI: 10.1007/s10803-024-06616-8 · Quelle öffnen

Einordnung: Volltext anhand der bereitgestellten Manuskriptfassung (HAL, Version 2) geprüft; Publikationsdaten und Abstract mit der Verlagsseite abgeglichen. Kleine Stichprobe, IQ unter 80 ausgeschlossen, Messinvarianz zwischen den Gruppen nicht geprüft. Interne Bootstrap-Prüfung ersetzt keine unabhängige Replikation. Aufgabenstudie [3] und Clusteranalyse gehören zum selben größeren Forschungsprojekt und werden hier nicht als unabhängige Replikationen gewertet.

[3] Bled, C. et al. (2024). Visual mental imagery abilities in autism.

DOI: 10.1002/aur.3192 · Quelle öffnen

Einordnung: Vier Aufgaben bei 44 autistischen und nach Ausschlüssen 42 Vergleichspersonen. Methoden, Ergebnistabellen und Diskussion im Verlags-PDF geprüft. IQ unter 80 als Ausschlusskriterium. Der Visual-Pattern-Test ist ein indirektes Maß mit Beteiligung des Arbeitsgedächtnisses; sein Gruppeneffekt war bayesianisch nur schwach gestützt. Keine Messung der Alltagshäufigkeit bildhaften Denkens.

[4] Taylor, R., Sumner, P., Singh, K. D. & Jones, C. R. G. (2026). Exploring the association between mental imagery, sensory sensitivity, and autistic traits in autistic and non-autistic adults.

DOI: 10.1038/s41598-026-38574-9 · Quelle öffnen

Einordnung: Veröffentlichter Hauptartikel sowie Supplementary Material 1 geprüft. Die Zusatzdatei enthält Korrelationen und explorative Vergleiche der vier VVIQ-Szenarien. Sie begründet keine weitere verallgemeinerbare Aussage zu bestimmten Denkinhalten. Selbstbericht, unterschiedliche Gruppenabgrenzungen und Fragebogengrenzwerte; keine repräsentative Prävalenzstudie.

[5] Arnold, D. H. et al. (2026). Autism and Aphantasia.

DOI: 10.1016/j.concog.2026.104085 · Quelle öffnen

Einordnung: Verlagsfassung im UCL-Repositorium im Volltext geprüft. PSIQ statt VVIQ; strenge Aphantasiegrenze von null Punkten in der jeweiligen Sinnesmodalität. Alters- und Geschlechtsunterschiede wurden statistisch berücksichtigt. Die zentrale autistische Teilgruppe wurde zusätzlich nach AQ ausgewählt; die Vergleichsstichprobe war nicht auf Autismus gescreent. Keine gesicherte Gleichheit der Häufigkeiten und keine repräsentative Quote.

[6] Bouvet, L. & Guillon, Q. (2024). The Lived Experience of Thinking in Pictures in Self-Declared Autistic Adults.

DOI: 10.1089/aut.2024.0041 · Quelle öffnen

Einordnung: Volltext anhand der öffentlich bereitgestellten Artikelfassung geprüft: Auswahl aus 25 Forumsdiskussionen, 101 berücksichtigte Beiträge von 77 Personen; 199 kodierte Segmente aus 95 Beiträgen. Theoriegeleitete und ergänzend datenbezogene Kodierung, nicht überprüfte Diagnosen und gezielter Ausschluss anderer Denkweisen. Erfahrungsbeschreibungen, keine Häufigkeitsschätzung.

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