Medienleitfaden · Aussagencheck 007
„Neurodivergente Menschen sind besonders kreativ oder hochbegabt“
Besondere Fähigkeiten können Teil einer Lebensgeschichte sein. Eine Diagnose ist jedoch kein Beleg für Kreativität oder Hochbegabung – und Gruppenbefunde beschreiben keine einzelne Person.
Stand · 23. Oktober 2026
Wissensstatus: Forschung zu unterschiedlichen Kreativitätsmaßen und kognitiven Fähigkeiten; mehrere Fragen bleiben offen. Die abschließende Einordnung positiver Zuschreibungen ist eine redaktionelle Bewertung von Neurofacetten.
Geltungsbereich: Der Check konzentriert sich auf Autismus und ADHS. Studien über diese Gruppen oder über einzelne Merkmalsausprägungen werden nicht auf alle neurodivergenten Menschen übertragen.
Was wird behauptet?
„Neurodivergente Menschen sind besonders kreativ oder hochbegabt – das ist ihre besondere Stärke.“
Die Formulierung ist ein redaktionelles Beispiel, kein Zitat aus einem konkret benannten Medienbeitrag.
Die Aussage verbindet unterschiedliche Fähigkeiten und sehr unterschiedliche Menschen zu einer allgemeinen Eigenschaft. Der Forschungsstand rechtfertigt diese Pauschalisierung nicht. Das bedeutet nicht, individuelle Begabungen oder Erfahrungen mit kreativen Stärken infrage zu stellen.
Was zeigt die Forschung?
1. Kreativität, Intelligenz und besondere Fertigkeiten sind zu unterscheiden
Kreativitätsstudien erfassen beispielsweise, wie viele unterschiedliche Ideen eine Person zu einer offenen Aufgabe entwickelt, wie originell diese bewertet werden oder ob sie ein Problem mit einer passenden Lösung bewältigt. Divergentes Denken bezeichnet dabei das Entwickeln verschiedener Möglichkeiten, konvergentes Denken das Eingrenzen auf eine geeignete Lösung. Kreative Leistungen im Alltag werden nochmals anders erfasst. Ein gutes Ergebnis in einem einzelnen Test ist daher kein umfassendes Kreativitätsprofil. [1] [2]
Intellektuelle Hochbegabung wird häufig über einen IQ von mindestens 130 operationalisiert. Das ist eine gebräuchliche Abgrenzung, keine in allen Studien einheitliche Definition. Ein Intelligenztest misst zudem nicht automatisch kreatives Arbeiten oder eine besondere künstlerische Fertigkeit. [8]
2. ADHS: Hinweise auf bestimmte kreative Prozesse, kein allgemeiner Vorteil
Boot et al. (2020; online zuerst 2017) untersuchten Erwachsene in zwei Studien. In der ersten berichtete die ADHS-Gruppe mehr kreative Leistungen im Alltag; bei den Aufgaben zum Entwickeln von Ideen zeigte sich kein allgemeiner Gruppenvorteil. In der zweiten wurde die ADHS-Gruppe unter Wettbewerb um einen Bonus origineller als ohne Wettbewerb. Der direkte Unterschied zur Kontrollgruppe war jedoch in keiner der beiden Bedingungen statistisch gesichert. [1]
Stolte et al. (2022) fanden in einer Bevölkerungsstichprobe und einer zusätzlichen Fall-Kontroll-Stichprobe Zusammenhänge zwischen ADHS-Merkmalen und divergentem Denken. Über den gesamten Merkmalsbereich verlief die Beziehung jedoch nicht einfach linear; im klinischen Bereich zeigte sich ein Plateau. Das erlaubt weder „je mehr ADHS, desto kreativer“ noch einen kausalen Schluss. [2]
Die Scoping-Review von Alle et al. (2026) kartiert zehn Studien mit 380 Teilnehmenden in klinischen Gruppen und 312 Kontrollpersonen. Die Ergebnisse unterscheiden sich nach Aufgabe und Stichprobe; die verwendeten Messverfahren sind vielfältig. Sie liefert keine gepoolte Schätzung einer allgemeinen kreativen Überlegenheit. Der berücksichtigte Literaturzeitraum endete 2024. [3]
Maisano et al. (2026) untersuchten online 299 Studierende. Höhere ADHS-Selbstberichtswerte standen mit häufiger berichteten Einsichtslösungen bei Wortassoziationsaufgaben in Zusammenhang. Diese Selbstauskunft beschreibt, wie eine Lösung erlebt wurde. Sie ist kein objektiver Nachweis eines bestimmten Denkprozesses. Untersucht wurde weder eine repräsentative Bevölkerungsstichprobe noch ein Vergleich klinisch bestätigter ADHS-Gruppen. [4]
3. Autismus: Unterschiede zwischen Aufgaben und Teilaspekten
Kasirer, Adi-Japha und Mashal (2020) verglichen 40 autistische Kinder mit 39 nichtautistischen Kindern. Die autistische Gruppe erzeugte mehr neuartige Metaphern und kombinierte beim Zeichnen häufiger Elemente unterschiedlicher Kategorien. Bei der Gesamtzahl der Veränderungen in den Zeichnungen zeigte sich dagegen kein statistisch gesicherter Unterschied. Die überwiegend männliche, hebräischsprachige Stichprobe mit altersentsprechenden Sprach- und nonverbalen Testleistungen erlaubt keine Verallgemeinerung auf das gesamte Autismus-Spektrum. [5]
Bei Stolte et al. (2022) zeigte sich in den Hauptanalysen kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Gesamtzahl autistischer Merkmale und den erfassten Kreativitätsmaßen. Auch dieser Befund zu Merkmalen in einer Bevölkerungsstichprobe darf nicht als abschließende Aussage über alle diagnostizierten autistischen Menschen gelesen werden. [2]
4. Hochbegabung und eine Diagnose können zusammen vorkommen
Tasca et al. (2024; online zuerst 2022) untersuchen in einer systematischen Review das gemeinsame Auftreten höherer Intelligenz und sozial-emotionaler oder verhaltensbezogener Schwierigkeiten. Die einbezogenen Studien umfassen auch Gruppen mit ADHS und höherem IQ. Die Begabungsgrenzen variieren; der niedrigste berücksichtigte Gesamt-IQ beträgt 120. Diese Zusammenstellung ermittelt keine repräsentative Hochbegabungsquote unter allen Menschen mit ADHS. [6]
Wolff et al. (2022) erläutern in einem Perspektivartikel, warum sich IQ-Verteilungen zwischen epidemiologischen und klinischen Autismusstudien unterscheiden können. Sie diskutieren unter anderem Stichprobenauswahl, Ein- und Ausschlusskriterien sowie die eingesetzten Tests. Der Beitrag ist keine eigene repräsentative Häufigkeitsstudie. Angaben zu „durchschnittlichem oder höherem IQ“ dürfen zudem nicht als Hochbegabungsquote gelesen werden. [7]
Für Aussagen über eine mögliche Überrepräsentation braucht es vergleichbare Definitionen, geeignete Vergleichsgruppen und eine nachvollziehbare Stichprobenauswahl. Eine Untersuchung bereits ausgewählter hochbegabter oder klinisch vorgestellter Menschen beantwortet eine andere Frage als eine repräsentative Bevölkerungsstudie.
Was bleibt offen?
Wie stark einzelne kreative Prozesse mit ADHS oder Autismus zusammenhängen, hängt auch davon ab, was gemessen wird und wer teilnimmt. Selbstberichte, klinische Diagnosen, Laboraufgaben und kreative Leistungen außerhalb des Tests sind nicht austauschbar. Ergebnisse zu Kindern lassen sich nicht ohne Prüfung auf Erwachsene übertragen.
Unklar bleibt zudem, welchen Anteil einzelne Merkmale, Interessen, Übung, Ausbildung und Umweltbedingungen an beobachteten Zusammenhängen haben. Aus den hier eingeordneten Gruppenvergleichen ergibt sich keine allgemeine individuelle Prognose und keine einfache Aussage, eine Diagnose verursache Kreativität.
Dieser Check ermittelt keine gemeinsame Hochbegabungsquote für „Neurodivergenz“. Schon die Abgrenzung der untersuchten Gruppen und die verwendeten Begabungskriterien sind dafür zu unterschiedlich.
Welche Schlussfolgerungen sind nicht zulässig?
- „Wer ADHS oder Autismus hat, ist automatisch kreativer oder hochbegabt.“
- „Mehr auffällige Merkmale bedeuten immer mehr Kreativität.“
- „Eine Studie über hohe Fragebogenwerte beweist eine Stärke bei allen diagnostizierten Menschen.“
- „Ein hoher Anteil von ADHS in einer ausgewählten Gruppe mit höherem IQ zeigt denselben Anteil von Hochbegabung unter allen Menschen mit ADHS.“
- „Ein IQ von 120 oder ein durchschnittlicher bis höherer IQ ist gleichbedeutend mit Hochbegabung.“
- „Besondere Leistungen zeigen, dass eine Person keine Unterstützung braucht.“
- „Menschen ohne außergewöhnliche Begabung widerlegen die Erfahrungen anderer neurodivergenter Menschen.“
Wie lässt sich die Aussage präziser formulieren?
„Einige Studien finden bei ADHS-Merkmalen und bestimmten kreativen Aufgaben Zusammenhänge. Die Ergebnisse unterscheiden sich nach Messverfahren und untersuchter Gruppe. Aus einer Autismus- oder ADHS-Diagnose allein lässt sich nicht ableiten, ob eine Person besonders kreativ oder hochbegabt ist. Individuelle Fähigkeiten sollten konkret beschrieben werden.“
Neurofacetten-Verdichtung: eigener Formulierungsvorschlag auf Grundlage der eingeordneten Befunde. Er muss zum recherchierten Gegenstand passen.
Wenn Anerkennung eine besondere Begabung voraussetzt
Redaktionelle Einordnung von Neurofacetten: Auch positiv gemeinte Darstellungen können ableistische Erwartungen transportieren: etwa wenn autistische oder andere neurodivergente Menschen immer wieder dadurch aufgewertet werden sollen, dass sie „dafür“ etwas besonders gut können.
Dahinter kann die Vorstellung stehen, eine Behinderung oder ein Unterstützungsbedarf müsse durch außergewöhnliche Fähigkeiten ausgeglichen werden. Menschen, deren Stärken weniger auffallen oder deren Unterstützungsbedarf hoch ist, geraten dabei leicht aus dem Blick.
Über individuelle Fähigkeiten zu berichten, ist sinnvoll. Problematisch wird es, wenn besondere Leistungen zur Begründung dafür werden, warum jemand Anerkennung, Teilhabe oder Unterstützung verdient. Dafür braucht es keine außergewöhnliche Begabung.
Selbstbeschreibungen bleiben davon zu unterscheiden: Wenn Menschen ihre eigene Neurodivergenz als Stärke oder Besonderheit erleben, darf diese Perspektive Raum haben, ohne zur Erwartung an andere zu werden.
Redaktionelle Prüffragen
- Welche Fähigkeit wurde untersucht: Ideenflüssigkeit, Originalität, konvergentes Denken, kreative Leistungen oder Intelligenz?
- Geht es um klinische Diagnosen oder um höhere Merkmalswerte in Fragebögen?
- Welche Definition und welcher Grenzwert für Hochbegabung wurden verwendet?
- Wie wurde die Stichprobe ausgewählt, und welche Personen wurden nicht erfasst?
- Welche Richtung hat die berichtete Häufigkeit: ADHS unter Menschen mit höherem IQ oder Hochbegabung unter Menschen mit ADHS?
- Werden konkrete Fähigkeiten einer Person beschrieben oder einer ganzen Gruppe zugeschrieben?
- Bleibt sichtbar, dass Begabungen und Unterstützungsbedarf gleichzeitig bestehen können?
Quellen und Einordnung
Quellenstand: 23. Oktober 2026. Gezielte redaktionelle Literaturrecherche, keine eigene systematische Review. Die verwendeten wissenschaftlichen Beiträge wurden im Volltext auf die hier wiedergegebenen Aussagen geprüft. Quellenhinweise benennen Studiendesign und Grenzen; bibliografische Angaben und DOI-Verweise wurden abgeglichen.
[1] Boot, N., Nevicka, B. & Baas, M. (2020; online zuerst 2017). Creativity in ADHD: Goal-Directed Motivation and Domain Specificity.
DOI: 10.1177/1087054717727352 · Quelle öffnen
Einordnung: Zwei Erwachsenenstudien, darunter eine experimentelle Variation von Wettbewerb. Kreative Alltagsleistungen und bereichsspezifische Fähigkeiten wurden per Selbstbericht erhoben. Bildungsniveau und freiwillige Teilnahme begrenzen die Übertragbarkeit. Ergebnisse und direkte Gruppenvergleiche wurden im Volltext geprüft.
[2] Stolte, M. et al. (2022). Characterizing Creative Thinking and Creative Achievements in Relation to Symptoms of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder and Autism Spectrum Disorder.
DOI: 10.3389/fpsyt.2022.909202 · Quelle öffnen
Einordnung: Originalstudie mit Bevölkerungs- und ADHS-Fall-Kontroll-Daten. Hauptanalysen, Verlauf der Zusammenhänge und Diskussion im frei zugänglichen Text geprüft. Korrelationsbefunde; keine Kausalitätsprüfung und kein allgemeines Begabungsprofil.
[3] Alle, A., Rubiales, J. & Bakker, L. (2026). Creatividad en personas con TDAH: una revisión exploratoria / Creativity in individuals with ADHD: a scoping review.
DOI: 10.15517/ap.v40i141.63108 · Quelle öffnen
Einordnung: Scoping-Review nach PRISMA-ScR, Literaturzeitraum 2004–2024. Methoden, Ergebnistabellen und Diskussion geprüft. Titel, Autorenreihenfolge und Review-Typ folgen dem Verlags-PDF; die Angaben auf der Landingpage weichen davon ab. Keine Metaanalyse.
[4] Maisano, H. et al. (2026). ADHD symptom magnitude predicts creative problem-solving performance and insight versus analysis solving modes.
DOI: 10.1016/j.paid.2026.113660 · Quelle öffnen
Einordnung: Online-Studie mit 299 Studierenden und ADHS-Selbstbericht. Einsicht und Analyse wurden nach den Antworten selbst eingeschätzt. Medikamenteneinnahme war ein Ausschlussgrund. Methoden, Ergebnisse und Grenzen im Volltext geprüft; kein Beleg für die Kreativität aller Menschen mit klinischer ADHS.
[5] Kasirer, A., Adi-Japha, E. & Mashal, N. (2020). Verbal and Figural Creativity in Children With Autism Spectrum Disorder and Typical Development.
DOI: 10.3389/fpsyg.2020.559238 · Quelle öffnen
Einordnung: Originalstudie mit 79 Kindern im Alter von 11–15 Jahren. Geprüft wurden Metaphernerzeugung und Merkmale erfundener Zeichnungen. Einzelne Vorteile sind kein allgemeines Kreativitätsprofil. Auswahlkriterien, Auswertungen, Tabellen und Diskussion im Volltext geprüft.
[6] Tasca, I. et al. (2024; online zuerst 2022). Behavioral and Socio-Emotional Disorders in Intellectual Giftedness: A Systematic Review.
DOI: 10.1007/s10578-022-01420-w · Quelle öffnen
Einordnung: Systematische Review von 19 Studien aus 2000–2020, überwiegend mit Kindern und Jugendlichen. Unterschiedliche IQ-Grenzen ab 120 und Auswahlwege; keine gemeinsame repräsentative Hochbegabungsquote bei ADHS. Auswahlverfahren, Befunde zu ADHS und Autismus sowie Diskussion im Volltext geprüft.
[7] Wolff, N. et al. (2022). Autism Spectrum Disorder and IQ – A Complex Interplay.
DOI: 10.3389/fpsyt.2022.856084 · Quelle öffnen
Einordnung: Perspektivartikel zu IQ-Messung und Stichprobeneinflüssen in der Autismusforschung. Keine systematische Review und keine neue repräsentative Häufigkeitsstudie. Der Volltext wurde für die methodische Einordnung geprüft; spekulative Erklärungen werden hier nicht als gesicherte Befunde übernommen.
[8] Staatliche Schulberatung in Bayern. Besondere Begabungen, Abschnitt „Besondere Begabungen erkennen“ (Stand der Seite: 28. November 2024).
Einordnung: Fachliche Orientierung zur gebräuchlichen IQ-Grenze von 130 und zur uneinheitlichen Begriffsverwendung. Keine Studie zum Zusammenhang von Neurodivergenz und Hochbegabung. Die dortige Liste möglicher Kennzeichen wird hier nicht als diagnostische Checkliste verwendet.
