Medienleitfaden · Aussagencheck 010
„Menschen mit ADHS wollen Aufmerksamkeit“
Warum „Aufmerksamkeitsdefizit“ keinen Mangel an Beachtung bezeichnet – und was die Forschung zu sozialer Aufmerksamkeit beitragen kann.
Einordnung auf einen Blick
Bewertung: irreführend. „Aufmerksamkeitsdefizit“ bezeichnet Schwierigkeiten mit der eigenen Aufmerksamkeit. Der Begriff bedeutet nicht, dass jemand zu wenig Beachtung bekommt oder im Mittelpunkt stehen möchte. Ob bestimmte Formen des Suchens nach sozialer Aufmerksamkeit bei ADHS häufiger auftreten, ist eine andere Frage. Die hier ausgewerteten Studien beantworten sie nicht ausreichend.
Was mit der Aussage gemeint ist
„Die wollen doch nur Aufmerksamkeit.“ In dieser Lesart wird Verhalten als Versuch verstanden, Beachtung zu bekommen. Das Wort „Aufmerksamkeitsdefizit“ scheint dazu zu passen: Wer ein Defizit an Aufmerksamkeit hat, dem fehlt offenbar die Aufmerksamkeit anderer.
Hier werden jedoch zwei Bedeutungen desselben Wortes vermischt. Der Aussagencheck prüft diese Begriffsverwechslung und die damit verbundene pauschale Zuschreibung eines Motivs. Er bewertet nicht die Absichten einer bestimmten Person.
Zwei Bedeutungen von Aufmerksamkeit
Kognitive Aufmerksamkeit betrifft beispielsweise die Fähigkeit, sich auf eine Aufgabe oder ein Gespräch zu konzentrieren und bei der Sache zu bleiben.
Soziale Aufmerksamkeit meint die Beachtung, die jemand von anderen erhält: gesehen, gehört oder angesprochen zu werden.
Bei ADHS bezieht sich „Aufmerksamkeitsdefizit“ auf den ersten Bereich. Zu den beschriebenen Schwierigkeiten gehören Ablenkbarkeit und Probleme, bei Aufgaben zu bleiben. Daneben können Hyperaktivität und Impulsivität auftreten. Wie sich diese Bereiche ausprägen, unterscheidet sich zwischen Menschen mit ADHS. [1]
Der Diagnosebegriff beschreibt damit keinen Mangel an Zuwendung. Er sagt auch nicht, wie viel soziale Aufmerksamkeit eine Person möchte.
Auffallen verrät noch keine Absicht
Eine Person unterbricht ein Gespräch. Andere wenden sich ihr zu. Beobachtbar ist zunächst, dass ihr Verhalten Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Daraus folgt noch nicht, dass sie unterbrochen hat, um diese Aufmerksamkeit zu bekommen.
Häufiges Unterbrechen wird in der Beschreibung von ADHS als mögliches Merkmal von Impulsivität genannt. Die Beschreibung setzt keine Absicht voraus, im Mittelpunkt stehen zu wollen. [1]
Es hilft deshalb, drei Fragen auseinanderzuhalten:
- Wirkung: Zieht das Verhalten Aufmerksamkeit auf sich?
- Funktion: Trägt die anschließende Aufmerksamkeit dazu bei, dass das Verhalten erneut auftritt?
- Absicht: Möchte die Person mit ihrem Verhalten Beachtung bekommen?
Die Antworten können zusammenhängen. Sie lassen sich aber nicht ohne Weiteres voneinander ableiten.
Was die Forschung zu sozialer Aufmerksamkeit untersucht
Die Forschung betrachtet unterschiedliche Vorgänge: Verhalten, das durch soziale Aufmerksamkeit verstärkt wird, Reaktionen auf soziale Belohnungen und das Suchen nach Rückversicherung. Diese Vorgänge sind nicht gleichbedeutend mit dem Wunsch, im Mittelpunkt zu stehen.
Aufmerksamkeit als Verstärkung
Jones, Drew und Weber untersuchten bei einem Schüler mit ADHS, wodurch störendes Verhalten im Unterricht aufrechterhalten wurde. Ihre Einzelfallstudie sprach dafür, dass die Aufmerksamkeit von Mitschüler:innen dabei eine verstärkende Funktion hatte. Als diese Aufmerksamkeit unabhängig vom störenden Verhalten angeboten wurde, nahm das Verhalten ab. [2]
Das zeigt einen Zusammenhang bei dieser Person unter diesen Bedingungen. Es belegt weder eine bewusst geplante Strategie noch ein häufigeres Auftreten bei Menschen mit ADHS gegenüber Menschen ohne ADHS.
Reaktionen auf soziale Belohnung
In einer kleinen Laborstudie von Kohls und Kolleginnen erhielten 16 Jungen mit ADHS und 16 Jungen ohne ADHS unter anderem positive Gesichtsausdrücke als Rückmeldung. Alle waren zwischen acht und 13 Jahre alt. Die ADHS-Gruppe verbesserte ihre Leistung beim Unterdrücken einer Reaktion durch diese soziale Belohnung stärker als die Vergleichsgruppe. [3]
Eine Untersuchung von Demurie und Kolleg:innen mit sozialen und finanziellen Belohnungen fand in ihrem Versuchsaufbau dagegen keine Hinweise auf eine veränderte Belohnungserwartung in den klinischen Gruppen. Die Aufgaben unterschieden sich; die Befunde lassen sich deshalb nicht unmittelbar gleichsetzen. [4]
Eine stärkere Wirkung sozialer Rückmeldung in einer Aufgabe wäre zudem noch kein Nachweis dafür, dass jemand im Alltag häufiger Beachtung sucht.
Ablehnung und Rückversicherung
Eine Untersuchung mit 391 Jugendlichen zwischen zehn und 15 Jahren fand Zusammenhänge zwischen stärkeren ADHS-Symptomen und höherer Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisung. Neben Selbstberichten wurden neuronale Reaktionen auf soziale Rückmeldungen untersucht. Gemessen wurde die Verarbeitung dieser Rückmeldungen, nicht die Häufigkeit aktiven Aufmerksamkeitssuchens. [5]
In einer qualitativen Studie mit fünf Studierenden mit ADHS beschrieben Teilnehmende, dass sie andere um Klärung oder Rückversicherung bitten, wenn sie unsicher sind, ob sie abgelehnt wurden. Zugleich berichteten sie über Scham beim Nachfragen und sozialen Rückzug. [6]
Diese Berichte machen Erfahrungen nachvollziehbar. Die kleine Stichprobe ohne Vergleichsgruppe erlaubt jedoch keine Aussage darüber, ob Rückversicherung bei ADHS häufiger gesucht wird. Zwei Teilnehmende berichteten zusätzlich eine Autismusdiagnose; die Erfahrungen lassen sich auch deshalb nicht eindeutig ADHS zuordnen. [6]
Was daraus nicht folgt
Die Befunde rechtfertigen keine allgemeine Aussage darüber, wie viel Beachtung Menschen mit ADHS wollen. Einzelfallstudien zeigen mögliche Funktionen von Verhalten. Laborstudien untersuchen Reaktionen unter bestimmten Bedingungen. Qualitative Interviews erschließen Erfahrungen. Für eine Aussage über ein häufigeres Auftreten braucht es passende Vergleichsdaten zu einem klar definierten Verhalten.
Ebenso wenig wäre die Gegenbehauptung tragfähig, Menschen mit ADHS suchten grundsätzlich keine Aufmerksamkeit. Der Wunsch nach Beachtung, Nähe oder Bestätigung muss nicht ausgeschlossen werden, um die Begriffsverwechslung zu korrigieren. Auch eine Verbindung zwischen ADHS und bestimmten Formen der Rückversicherung würde die Bedeutung des Diagnosebegriffs nicht verändern.
Bewertung der Aussage
Als Erklärung von „Aufmerksamkeitsdefizit“ ist die Aussage fachlich falsch. Sie verwechselt die eigene Aufmerksamkeit mit der Beachtung durch andere.
Als allgemeine Aussage über Motive ist sie zu pauschal. Aus einer Diagnose lässt sich nicht ableiten, weshalb eine Person in einer konkreten Situation etwas tut.
Die engere Forschungsfrage bleibt offen: Die ausgewerteten Studien reichen nicht aus, um zu beurteilen, ob bestimmte Formen des Suchens nach sozialer Aufmerksamkeit bei ADHS häufiger vorkommen. Das bedeutet nicht, dass ein Unterschied ausgeschlossen wäre.
Präziser formuliert
„Aufmerksamkeitsdefizit“ bezieht sich bei ADHS auf Schwierigkeiten mit der eigenen Aufmerksamkeit. Ob jemand soziale Beachtung oder Rückversicherung sucht, ist eine gesonderte Frage und lässt sich nicht aus dem Diagnosebegriff ableiten.
Neurofacetten-Verdichtung
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sagt noch nicht, weshalb jemand etwas tut.
Wissensstatus und Transparenz
Diagnostische Begriffsklärung: Die Bedeutung von Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität folgt der fachlichen Beschreibung von ADHS. [1]
Forschungsstand: Die Aussagen zu sozialer Aufmerksamkeit beruhen auf ausgewählten empirischen Studien. Ihre Designs und Grenzen sind bei den jeweiligen Befunden angegeben. Die Übersicht ist keine systematische Übersichtsarbeit.
Eigene Einordnung: Die Trennung von Wirkung, Funktion und Absicht sowie die Bewertung der Ausgangsaussage sind begriffliche und redaktionelle Einordnungen von Neurofacetten. Die Verdichtung ist eine eigene Formulierung, kein Forschungszitat.
Geltungsbereich: Der Check betrifft die Bedeutung des Diagnosebegriffs und pauschale Motivzuschreibungen. Er erlaubt keine Beurteilung einzelner Personen. Befunde aus Kinder- und Jugendstichproben lassen sich nicht ohne Weiteres auf Erwachsene übertragen.
Offene Frage: Für welche konkret definierten Formen des Suchens nach sozialer Aufmerksamkeit gibt es belastbare Gruppenunterschiede, und welche Rolle spielen Alter, Begleitdiagnosen und soziale Erfahrungen? Neue vergleichende Studien können diese Einordnung verändern.
Prüfstand: 28. Oktober 2026.
Quellen
Quelle 1
National Institute of Mental Health. Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. Fachliche Übersicht zur Beschreibung von ADHS.
Quelle 2
Jones, K. M., Drew, H. A. & Weber, N. L. (2000). Noncontingent peer attention as treatment for disruptive classroom behavior. Journal of Applied Behavior Analysis, 33, 343–346. DOI: 10.1901/jaba.2000.33-343. Einzelfallstudie; hier anhand des Abstracts eingeordnet.
Quelle 3
Kohls, G., Herpertz-Dahlmann, B. & Konrad, K. (2009). Hyperresponsiveness to social rewards in children and adolescents with attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD). Behavioral and Brain Functions, 5, 20. Volltext.
Quelle 4
Demurie, E., Roeyers, H., Wiersema, J. R. & Sonuga-Barke, E. (2016; online 2013). No Evidence for Inhibitory Deficits or Altered Reward Processing in ADHD: Data From a New Integrated Monetary Incentive Delay Go/No-Go Task. Journal of Attention Disorders, 20, 353–367. Abstract und bibliografische Angaben. Hier anhand des Abstracts eingeordnet.
Quelle 5
Babinski, D. E., Kujawa, A., Kessel, E. M., Arfer, K. B. & Klein, D. N. (2019). Sensitivity to Peer Feedback in Young Adolescents with Symptoms of ADHD: Examination of Neurophysiological and Self-Report Measures. Journal of Abnormal Child Psychology, 47, 605–617. Volltext.
Quelle 6
Rowney-Smith, A., Sutton, B., Quadt, L. & Eccles, J. A. (2026). The lived experiences of rejection sensitivity in ADHD – A qualitative exploration. PLOS One, 21, e0314669. Volltext. Titel gemäß Verlagskorrektur.
