Medienleitfaden · Aussagencheck 011
Was Sammelspiele, eine Nomadenstudie und alte DNA zur Evolutionshypothese beitragen – und weshalb sie keine Herkunftsgeschichte von ADHS beweisen.
Einordnung auf einen Blick
Bewertung: als gesicherte Erklärung nicht belegt. Bestimmte Eigenschaften könnten unter bestimmten Bedingungen Vorteile haben. Daraus folgt aber nicht, dass ADHS als Ganzes eine Anpassung an das Leben in der Steinzeit ist. Die „Jäger-und-Bauern“-Erzählung bleibt ein evolutionärer Deutungsansatz.
Wissensstatus: 🔵 Evolutionäre Hypothese · 🟡 einzelne empirische Hinweise · 🟠 Bewertung und sprachliche Einordnung durch Neurofacetten.
Welche Behauptung prüfen wir?
Die Aussage wird oft so verstanden: Was heute als ADHS gilt, habe früher beim Jagen und Sammeln geholfen. Erst sesshafte Lebensweisen und moderne Anforderungen hätten diese Eigenschaften zum Problem gemacht.
Geprüft wird hier die starke Behauptung, damit sei die Entstehung von ADHS bereits erklärt. Davon zu unterscheiden ist die engere Frage, ob einzelne Eigenschaften in manchen Aufgaben oder Umwelten Vorteile bieten können.
Die Idee hinter der Evolutionshypothese
🔵 Modell / Deutungsrahmen
Eine sogenannte Mismatch-Hypothese vermutet eine fehlende Passung zwischen früheren und heutigen Lebensbedingungen. Häufiges Erkunden oder schnelles Wechseln könnten in einer bestimmten Umwelt hilfreich sein und in einer anderen Schwierigkeiten bereiten. Die Jäger-und-Bauern-Hypothese ist eine Variante dieser Vorstellung. [4]
Damit eine Herkunftserklärung trägt, müsste mehr gezeigt werden als ein heutiger Aufgabenvorteil: Es müsste nachvollziehbar sein, welche Eigenschaften unter welchen früheren Bedingungen die Weitergabe genetischer Varianten begünstigten. Die bloße Häufigkeit eines Merkmals beantwortet diese Frage nicht.
Was die Sammelstudie tatsächlich fand
🟡 Aktueller Forschungsstand
Barack und Kolleg:innen untersuchten 457 Erwachsene in einem Online-Spiel. Die Teilnehmenden sammelten Ressourcen aus Feldern, deren Ertrag mit der Zeit abnahm. Sie mussten entscheiden, wann sie zu einem neuen Feld wechseln. Ein Fragebogen erfasste ADHS-nahe Merkmale. [2]
Menschen mit auffälligen Screeningwerten wechselten früher und erzielten in dieser Spielumgebung höhere Belohnungsraten. Das spricht dafür, dass stärkeres Erkunden unter diesen Bedingungen hilfreich sein konnte. [2]
Die Grenze: Ein auffälliger Fragebogenwert ist keine gesicherte Diagnose. Ein Online-Spiel bildet weder tatsächliches Jagen und Sammeln noch Überleben oder Fortpflanzung über Generationen ab. Der Befund stützt eine eng umrissene Möglichkeit, keine bestätigte Steinzeit-Erklärung. [2]
Was die Nomadenstudie aussagt
🟡 Aktueller Forschungsstand
Eine häufig angeführte Studie von 2008 verglich 65 nomadisch lebende und 87 kürzlich sesshaft gewordene Ariaal-Männer in Nordkenia. Untersucht wurden unter anderem eine Variante des Dopaminrezeptor-Gens DRD4 und Körpermaße. Bei nomadisch lebenden Trägern einer bestimmten Variante war der BMI höher, bei sesshaften Trägern niedriger. Der BMI setzt das Körpergewicht zur Körpergröße ins Verhältnis. [3]
Die Untersuchung erfasste keine ADHS-Diagnosen. Sie zeigte auch nicht, dass diese Männer bessere Jäger waren. Die untersuchten Gruppen sind keine Stellvertreter für die gesamte Steinzeit. Der Zusammenhang zwischen Genvariante und Körpermaßen erlaubt daher keine direkte Aussage über einen evolutionären Vorteil von ADHS. [3]
Auch die Bezeichnung „ADHS-Gen“ wäre irreführend. Große genetische Studien beschreiben viele beteiligte Varianten. Ein einzelnes Gen bildet die komplexe Diagnose nicht ab. [5]
Was alte DNA ergänzen kann
🟡 Aktueller Forschungsstand
Esteller-Cucala und Kolleg:innen verglichen alte und heutige Genome mit Varianten, die in einer damaligen großen Studie statistisch mit ADHS verbunden waren. Sie fanden Hinweise darauf, dass die Häufigkeit solcher Varianten über lange Zeiträume abgenommen hat. [4]
Die Autor:innen halten ihre Ergebnisse für vereinbar mit einer Mismatch-Erklärung, verorten die Entwicklung aber früher als manche populäre Erzählung vom Wechsel zum Ackerbau. Das ist keine eindeutige Bestätigung der Jäger-und-Bauern-Geschichte. Aus DNA lässt sich zudem keine damalige ADHS-Diagnose rekonstruieren. [4]
Drei Dinge, die sich nicht gleichsetzen lassen
Eine Aufgabe und ein ganzes Leben
Wer in einer Aufgabe gut abschneidet, muss nicht unter sämtlichen Bedingungen Vorteile haben. Ein beobachteter Vorteil und erhebliche Schwierigkeiten in anderen Situationen können nebeneinander bestehen.
Eine Eigenschaft und eine Diagnose
Erkundungsverhalten oder schnelles Wechseln sind einzelne Merkmale. ADHS beschreibt ein breiteres Muster mit relevanten Schwierigkeiten. Die heutige Forschung betont, wie unterschiedlich die Erscheinungsformen und beteiligten Prozesse sind. [1]
Eine Genvariante und eine Herkunftserzählung
Frühe Kandidatengen-Forschung und heutige große Genomstudien liefern nicht dieselbe Art von Evidenz. Auch Verbindungen einzelner Dopamingene mit ADHS sind weniger eindeutig, als vereinfachte Erzählungen vermuten lassen. [6]
Bewertung der Aussage
„Einzelne Eigenschaften könnten in bestimmten Umwelten vorteilhaft sein“: eine plausible, untersuchbare Hypothese mit begrenzten empirischen Hinweisen.
„ADHS ist nachweislich das Gehirn der steinzeitlichen Jäger“: durch die hier geprüften Studien nicht belegt. Dafür sind die Sprünge von heutiger Aufgabe zu früherem Leben und von einzelnen Merkmalen zur Diagnose zu groß.
„ADHS wäre in einer passenden Umwelt immer unproblematisch“: ebenfalls keine Schlussfolgerung dieser Forschung. Eine mögliche Stärke in einer Situation hebt Schwierigkeiten in anderen Situationen nicht auf.
Präziser formuliert
Bestimmte mit ADHS in Verbindung gebrachte Eigenschaften könnten unter manchen Bedingungen Vorteile bieten. Ob und wie solche Vorteile die evolutionäre Geschichte von ADHS geprägt haben, bleibt offen.
🟠 Neurofacetten-Verdichtung: Eine Eigenschaft kann in einer Situation hilfreich sein, ohne die Entstehung einer ganzen Diagnose zu erklären.
Wissensstatus und Transparenz
Dieser Check trennt evolutionäre Modelle, einzelne Studien und eigene Schlussfolgerungen. Er ist eine gezielte redaktionelle Recherche, keine systematische Literaturübersicht. Die Bewertung „nicht belegt“ bedeutet hier, dass die genannten Befunde die starke Behauptung nicht tragen. Sie schließt evolutionäre Einflüsse nicht grundsätzlich aus.
Geprüft wurden wissenschaftliche Publikationen und bibliografische Angaben; bei eingeschränktem Volltextzugang wurden Abstracts herangezogen. Die Studien betreffen unterschiedliche Gruppen und Methoden. Eine vollständige Neuauswertung ihrer Rohdaten erfolgte nicht. Prüfstand: 28. Oktober 2026.
Quellen und Aussagegrenzen
Die Quellen wurden gezielt für diesen Aussagencheck ausgewählt. Die folgenden Hinweise erläutern, was jeweils untersucht wurde und welche Schlüsse daraus möglich sind.
Quelle 1
Faraone, S. V., Bellgrove, M. A., Brikell, I., et al. (2024). Attention-deficit/hyperactivity disorder. Nature Reviews Disease Primers, 10, 11. Originalpublikation · DOI 10.1038/s41572-024-00495-0
Einordnung und Grenzen: Breite Fachübersicht zur genetischen und neurobiologischen Vielfalt von ADHS. Hintergrund zur Diagnose und ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen; keine Prüfung einer Steinzeithypothese. Autor:innenkorrektur: DOI 10.1038/s41572-024-00518-w.
Quelle 2
Barack, D. L., Ludwig, V. U., Parodi, F., Ahmed, N., Brannon, E. M., Ramakrishnan, A., & Platt, M. L. (2024). Attention deficits linked with proclivity to explore while foraging. Proceedings of the Royal Society B, 291, 20222584. Originalpublikation · DOI 10.1098/rspb.2022.2584
Einordnung und Grenzen: Online-Sammelaufgabe mit 457 Erwachsenen und ADHS-Screening. Frühere Feldwechsel und höhere Belohnungsraten bei auffälligen Screeningwerten. Der höhere Ertrag entsprach nicht der vorab erwarteten Richtung; die Gruppierung nach dem Screening-Schwellenwert war nicht vorab registriert. Keine Untersuchung evolutionären Fortpflanzungserfolgs. Screening und Diagnose sind zu trennen.
Quelle 3
Eisenberg, D. T. A., Campbell, B., Gray, P. B., & Sorenson, M. D. (2008). Dopamine receptor genetic polymorphisms and body composition in undernourished pastoralists: An exploration of nutrition indices among nomadic and recently settled Ariaal men of northern Kenya. BMC Evolutionary Biology, 8, 173. Originalpublikation · DOI 10.1186/1471-2148-8-173
Einordnung und Grenzen: Beobachtungsstudie mit 152 Männern, davon 65 nomadisch und 87 kürzlich sesshaft lebend. Untersucht Genvarianten und Körpermaße, keine ADHS-Diagnosen. Kleine Untergruppen und spezifischer Lebenskontext begrenzen die Übertragbarkeit.
Quelle 4
Esteller-Cucala, P., Maceda, I., Børglum, A. D., Demontis, D., Faraone, S. V., Cormand, B., & Lao, O. (2020). Genomic analysis of the natural history of attention-deficit/hyperactivity disorder using Neanderthal and ancient Homo sapiens samples. Scientific Reports, 10, 8622. Originalpublikation · DOI 10.1038/s41598-020-65322-4
Einordnung und Grenzen: Analyse alter und heutiger Genome mit Schwerpunkt auf europäischen Populationen, gestützt auf damalige ADHS-GWAS. Hinweise auf langfristige Selektionsprozesse; abhängig von Stichproben und Modellannahmen. Die heutigen genetischen Zusammenhänge lassen sich nicht einfach auf früheres Verhalten übertragen. Vereinbarkeit mit einer Theorie ist kein eindeutiger Nachweis.
Quelle 5
Demontis, D., Walters, G. B., Athanasiadis, G., et al. (2023). Genome-wide analyses of ADHD identify 27 risk loci, refine the genetic architecture and implicate several cognitive domains. Nature Genetics, 55, 198–208. Originalpublikation · DOI 10.1038/s41588-022-01285-8
Einordnung und Grenzen: Genomweite Meta-Analyse mit 38.691 ADHS-Fällen und 186.843 Kontrollen. Hintergrund zur Beteiligung vieler genetischer Varianten. Kein Nachweis eines einzelnen ADHS-Gens oder eines evolutionären Vorteils. Korrektur: DOI 10.1038/s41588-023-01350-w.
Quelle 6
MacDonald, H. J., Kleppe, R., Szigetvari, P. D., & Haavik, J. (2024). The dopamine hypothesis for ADHD: An evaluation of evidence accumulated from human studies and animal models. Frontiers in Psychiatry, 15, 1492126. Originalpublikation · DOI 10.3389/fpsyt.2024.1492126
Einordnung und Grenzen: Kritischer Review, unter anderem zur uneinheitlichen Evidenz früher Kandidatengenstudien. Dient hier der Einordnung vereinfachter Dopamingen-Erzählungen, nicht als unmittelbare Widerlegung jeder Evolutionshypothese.
