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Medienleitfaden · Aussagencheck 009

„Autistische Menschen nehmen alles wörtlich“

Manche autistische Menschen erleben Schwierigkeiten mit nichtwörtlicher Sprache. Daraus folgt nicht, dass alle autistischen Menschen jede Äußerung wörtlich verstehen.

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Einordnung auf einen Blick

Urteil: Als pauschale Aussage nicht haltbar. Studien finden im Durchschnitt Unterschiede bei bestimmten Aufgaben zu nichtwörtlicher Sprache. Die Ergebnisse hängen unter anderem von Sprachfähigkeiten, Aufgaben und untersuchten Gruppen ab. [1] [2]

Wissensstatus: Aktueller Forschungsstand. Gruppenbefunde erlauben keine Vorhersage über das Verständnis einer einzelnen Person. Redaktionelle Empfehlungen werden als eigene Einordnung gekennzeichnet.

Recherche- und Bearbeitungsstand: 24. Oktober 2026.

Was wird behauptet?

Die Formulierung „Autistische Menschen nehmen alles wörtlich“ macht aus einer möglichen Schwierigkeit eine allgemeine Eigenschaft. Sie kann den Eindruck erwecken, autistische Menschen könnten Metaphern, Redewendungen, Ironie oder indirekte Bitten grundsätzlich nicht verstehen.

Dabei sind das unterschiedliche sprachliche Anforderungen. Eine bekannte Redewendung kann als gelernte Bedeutung verfügbar sein. Eine neue Metapher verlangt möglicherweise eine Verbindung zwischen Begriffen. Bei Ironie muss zusätzlich erschlossen werden, wie die Äußerung zur Situation und zur Absicht der sprechenden Person passt.

Redaktionelle Beispiele: „Ein Gedankenkarussell“ ist eine bildhafte Formulierung. „Na, toll!“ kann Zustimmung oder ironischen Ärger ausdrücken. „Hier zieht es“ kann eine Feststellung oder eine indirekte Bitte sein, das Fenster zu schließen. Der Wortlaut allein entscheidet nicht in jedem Fall über die gemeinte Bedeutung.

Was zeigt die Forschung?

1. Durchschnittliche Unterschiede sind keine allgemeine Unfähigkeit

Eine Metaanalyse mit 41 Studien fand im Durchschnitt geringere Leistungen autistischer Gruppen beim Verstehen figurativer Sprache. In Teilgruppen von Studien, die nach Sprachfähigkeiten vergleichbare Gruppen untersuchten, waren die Unterschiede klein und statistisch nicht signifikant. Das spricht dafür, Sprachfähigkeiten bei der Interpretation zu berücksichtigen. Es belegt nicht, dass sie sämtliche Unterschiede erklären. [1]

Eine Metaanalyse mit 15 Studien zur Metaphernverarbeitung fand im Durchschnitt Unterschiede auch bei Gruppen, die nach Alter und überwiegend nach verbaler Intelligenz vergleichbar waren. Höhere verbale Testleistungen gingen mit kleineren Gruppenunterschieden einher. Solche Tests erfassen allerdings nicht sämtliche Sprachfähigkeiten. Die Autor:innen beschreiben zudem mögliche Einflüsse des Aufgabenformats: Eine freie Erklärung stellt andere Anforderungen als die Auswahl einer vorgegebenen Antwort. [2]

2. Ein Testwert erklärt noch nicht, woran eine Aufgabe schwierig war

Eine Studie mit passenden wörtlichen und metaphorischen Testitems fand bei der autistischen Gruppe Schwierigkeiten in beiden Bedingungen. Insbesondere der Ausdruckswortschatz hing mit den Ergebnissen zusammen. Eine geringere Leistung in einer Metaphernaufgabe muss deshalb nicht ausschließlich eine besondere Neigung zum wörtlichen Verstehen abbilden. [3]

3. Verstehen und Verarbeitungsgeschwindigkeit sind verschiedene Ebenen

Eine Blickbewegungsstudie mit 18 autistischen und 22 nichtautistischen Erwachsenen fand vergleichbare Trefferquoten bei neuen Metaphern. Die autistische Gruppe reagierte insgesamt langsamer. Das Ergebnis betrifft eine ausgewählte Gruppe überwiegend studierender Erwachsener und eine bestimmte Bild-Satz-Aufgabe. Es lässt sich nicht auf jede Gesprächssituation übertragen. [4]

Eine korrekte Antwort kann mit zusätzlichem Verarbeitungsaufwand einhergehen. Umgekehrt zeigt eine längere Antwortzeit für sich allein nicht, dass jemand die bildhafte Bedeutung nicht verstanden hat.

4. Kontext kann auch für autistische Menschen hilfreich sein

In einer Studie mit jeweils 26 autistischen und nichtautistischen Erwachsenen nutzten beide Gruppen den erzählten Kontext, um mehrdeutige Äußerungen als Feststellung oder indirekte Bitte einzuordnen. Die Aufgabe enthielt vorgegebene Antwortmöglichkeiten und keinen Zeitdruck. Das ist ein Gegenbeispiel zur pauschalen Annahme, autistische Menschen könnten Kontext grundsätzlich nicht nutzen; es bildet spontane Gespräche nur begrenzt ab. [5]

Was bleibt offen?

Viele Untersuchungen betreffen Kinder oder Erwachsene, die gesprochene Sprache sicher nutzen und standardisierte Aufgaben bearbeiten können. Menschen mit anderen Kommunikationsformen oder ausgeprägteren sprachlichen Unterstützungsbedarfen sind damit nicht ausreichend repräsentiert. Auch Ergebnisse aus einer Sprache oder einer Altersgruppe lassen sich nicht ohne Weiteres übertragen. [3] [4] [5]

Laboraufgaben bilden echte Gespräche nur teilweise ab: Dort kommen Beziehung, Vorwissen, Tonfall, Mehrdeutigkeit und Zeitdruck zusammen. Die vorhandenen Studien beantworten daher nicht zuverlässig, wie häufig eine einzelne Person im Alltag etwas wörtlich versteht oder welche Unterstützung sie benötigt.

Welche Schlussfolgerungen sind nicht zulässig?

Aus durchschnittlichen Gruppenunterschieden folgt nicht, dass alle autistischen Menschen keine Metaphern, keinen Humor oder keine Ironie verstehen. Ebenso wenig darf man aus einer einzelnen passenden Antwort schließen, Kommunikation koste die betreffende Person keine zusätzliche Anstrengung.

Eine wörtliche Antwort allein beweist weder fehlendes Sprachverständnis noch fehlendes Mitgefühl. Sie erlaubt auch keine Diagnose. Die hier besprochenen Untersuchungen prüfen bestimmte sprachliche Leistungen, keine vollständige Beschreibung einer Person.

Wie lässt sich die Aussage präziser formulieren?

Statt: „Autistische Menschen nehmen alles wörtlich.“

Präziser: „Manche autistische Menschen haben Schwierigkeiten mit bestimmten Formen nichtwörtlicher oder indirekter Sprache. Wie gut eine Äußerung verstanden wird, hängt unter anderem von Person, Sprachfähigkeiten, Kontext und Aufgabe ab.“

Wenn es um eine konkrete Person geht: „Sie wünscht sich direkt formulierte Bitten und zusätzliche Zeit zum Antworten.“ Diese Formulierung ist nur passend, wenn die Person das tatsächlich so beschrieben hat.

Redaktionelle Einordnung von Neurofacetten

Eine Vorliebe für eindeutige Sprache sollte ernst genommen werden, ohne daraus eine allgemeine Unfähigkeit abzuleiten. Ebenso sollte eine Person sich nicht durch das Verstehen eines Witzes dafür rechtfertigen müssen, dass sie in anderen Situationen Unterstützung benötigt.

Für Interviews und Gespräche kann es hilfreich sein, die eigene Absicht deutlich auszusprechen, bei Missverständnissen umzuformulieren und Zeit für Rückfragen zu lassen. Welche Anpassungen passen, sollte mit den Beteiligten geklärt werden. Daraus folgt kein allgemeines Verbot von Bildern, Humor oder Ironie.

Redaktionelle Prüffragen

Welche konkrete Sprachform ist gemeint? Wurde tatsächliches Verstehen untersucht oder eine Erklärung unter Testbedingungen? Werden Sprachfähigkeiten und Aufgabenformat berücksichtigt? Wird eine persönliche Selbstbeschreibung zur Eigenschaft einer ganzen Gruppe gemacht? Ist bekannt, welche Kommunikation die beteiligte Person bevorzugt?

Quellen und Einordnung

Die Auswahl verbindet Überblicksarbeiten mit neueren Einzelstudien. Sie ist keine eigene systematische Übersichtsarbeit. Die für diesen Aussagencheck verwendeten Aussagen wurden mit den zugänglichen Volltexten abgeglichen; DOI-Angaben und bibliografische Metadaten wurden geprüft.

[1] Kalandadze et al. (2018)

Kalandadze, T., Norbury, C., Nærland, T. & Næss, K.-A. B. (2018). Figurative language comprehension in individuals with autism spectrum disorder: A meta-analytic review. Autism, 22(2), 99–117.

DOI: 10.1177/1362361316668652

Metaanalyse zu figurativer Sprache. Unterschiede zwischen Studien mit verschiedenen Vergleichsgruppen belegen nicht, dass Sprachfähigkeiten sämtliche Unterschiede erklären.

[2] Morsanyi et al. (2020)

Morsanyi, K., Stamenković, D. & Holyoak, K. J. (2020). Metaphor processing in autism: A systematic review and meta-analysis. Developmental Review, 57, 100925.

DOI: 10.1016/j.dr.2020.100925

Frei zugängliche Volltextfassung beim UCLA-Autorenteam. Unterschiede nach verbaler Intelligenz sind keine Aussage über sämtliche Sprachfähigkeiten. Einflüsse des Aufgabenformats werden als mögliche Erklärung diskutiert, nicht als abschließend nachgewiesene Ursache.

[3] Kalandadze et al. (2022)

Kalandadze, T., Braeken, J., Brynskov, C. & Næss, K.-A. B. (2022). Metaphor Comprehension in Individuals with Autism Spectrum Disorder: Core Language Skills Matter. Journal of Autism and Developmental Disorders, 52, 316–326.

DOI: 10.1007/s10803-021-04922-z

Untersucht wurden Kinder, die die sprachlichen Testaufgaben bearbeiten konnten; keine Aussage über alle autistischen Menschen. Online erstmals 2021 erschienen.

[4] O’Shea et al. (2026)

O’Shea, A., Cersosimo, R. & Engelhardt, P. E. (2026). Online Metaphor Comprehension in Adults with Autism Spectrum Disorders: An Eye Tracking Study. Journal of Autism and Developmental Disorders, 56, 56–70.

DOI: 10.1007/s10803-024-06562-5

Kleine, ausgewählte Erwachsenenstichprobe; längere Reaktionszeiten nicht als ausschließlich metaphorenspezifischer Effekt dargestellt. Online erstmals 2024 erschienen.

[5] Frost et al. (2025)

Frost, F., Nagano, M. & Zane, E. (2025). Autistic and non-autistic adults use discourse context to determine a speaker’s intention to request. Cognitive Processing, 26, 171–187.

DOI: 10.1007/s10339-024-01229-6

Kontextnutzung in einer Aufgabe ohne Zeitdruck mit vorgegebenen Antworten; keine Gleichsetzung mit spontaner Alltagskommunikation. Online erstmals 2024 erschienen.

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