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Was ist komplexe PTBS?

Wissensdossier · Grundlagen · Trauma

Warum komplexes Trauma und komplexe PTBS nicht dasselbe sind – und weshalb sichtbare Folgen allein noch keine Diagnose erklären.

„Komplexe PTBS“ wird inzwischen sehr häufig verwendet. Manchmal bezeichnet der Begriff eine konkrete Diagnose. Manchmal langanhaltende Folgen belastender Kindheitserfahrungen. Manchmal Schwierigkeiten mit Beziehungen, Selbstwert oder Emotionsregulation. Und manchmal wird praktisch jede langfristige Folge wiederholter Traumatisierung darunter zusammengefasst.

Diese Verwendungen überschneiden sich. Sie sind aber nicht dasselbe.

Die komplexe posttraumatische Belastungsstörung – im Englischen complex post-traumatic stress disorder, meist CPTSD – ist in der ICD-11 unter 6B41 als eigenständige Diagnose beschrieben. In englischsprachiger Forschung ist die Abkürzung CPTSD verbreitet; hier wird überwiegend die deutsche Bezeichnung komplexe PTBS verwendet.

🟠 Neurofacetten-Verdichtung: Komplexes Trauma beschreibt, was einem Menschen widerfahren sein kann. Komplexe PTBS beschreibt ein bestimmtes Muster möglicher Folgen.

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Kurzfassung

Komplexe PTBS besteht in der ICD-11 aus den drei Kernbereichen der PTBS und drei zusätzlichen Bereichen sogenannter Störungen der Selbstorganisation (engl. disturbances in self-organization, DSO).

  • PTBS-Kern: Wiedererleben in der Gegenwart, Vermeidung, anhaltendes Gefühl gegenwärtiger Bedrohung.
  • Störungen der Selbstorganisation: Affektregulation, negatives Selbstkonzept, Beziehungsschwierigkeiten.

Zusätzlich müssen relevante Beeinträchtigungen im Alltag vorliegen. Ein bestimmter Traumatyp ist für die Diagnose nicht zwingend erforderlich.

Wissensstatus

🟢 Forschung: Komplexe PTBS ist eine ICD-11-Diagnose. Sie umfasst die drei Kernbereiche einer PTBS plus drei Bereiche der Selbstorganisation und relevante funktionelle Beeinträchtigungen.

🟡 Aktueller Forschungsstand: Zahlreiche psychometrische Studien stützen die Unterscheidbarkeit von PTBS und komplexer PTBS. Wie stark diese Unterscheidung kategorial ist und welche Faktorenstruktur die Symptome am besten beschreibt, wird weiter untersucht.

🔵 Modell / Deutungsrahmen: Entwicklungs-, Bindungs- und andere Traumamodelle können dabei helfen, langfristige Folgen wiederholter Belastungen zu verstehen. Sie sind nicht mit den diagnostischen ICD-11-Kriterien gleichzusetzen.

🟣 Erfahrungswissen: Menschen mit komplexen Traumafolgen berichten unter anderem von anhaltender Scham, Schwierigkeiten mit Nähe, emotionaler Überwältigung oder Taubheit. Solche Erfahrungen sind für sich genommen nicht diagnostisch spezifisch.

🟠 Neurofacetten-Verdichtung: Eine Traumageschichte kann erklären helfen, warum eine Diagnose in Betracht gezogen wird. Sie entscheidet nicht automatisch, welche Diagnose vorliegt.

1. Was bedeutet „komplex“?

Eine naheliegende Vorstellung wäre: PTBS ist die weniger schwere Form, komplexe PTBS die besonders schwere Form. So ist die ICD-11 jedoch nicht aufgebaut.

Komplexe PTBS enthält zwar die drei Kernbereiche einer PTBS. Hinzu kommen jedoch zusätzliche Schwierigkeiten der Selbstorganisation. Das „komplex“ bezeichnet damit nicht einfach mehr Intensität desselben Symptoms, sondern ein breiteres diagnostisches Muster.

Infografik: Komplexe PTBS besteht aus zwei Bereichen

Infografik „Komplexe PTBS besteht aus zwei Bereichen“. Links der PTBS-Kern mit Wiedererleben in der Gegenwart, Vermeidung und anhaltendem Gefühl gegenwärtiger Bedrohung. Rechts die Störungen der Selbstorganisation mit Affektregulation, negativem Selbstkonzept und Beziehungsschwierigkeiten. Unten steht: Komplexe PTBS = PTBS-Kern + Störungen der Selbstorganisation. Ergänzt wird, dass international häufig die Begriffe PTSD, complex PTSD beziehungsweise CPTSD und DSO verwendet werden.

Kurzbeschreibung: Die ICD-11 beschreibt komplexe PTBS als Kombination aus den drei PTBS-Kernbereichen und drei zusätzlichen Bereichen der Selbstorganisation.

Einordnung: 🟢 Forschung / ICD-11-Klassifikation. Vereinfachte Darstellung der diagnostischen Struktur.

🟠 Neurofacetten-Verdichtung: Komplexe PTBS bedeutet nicht einfach „mehr PTBS“, sondern PTBS plus ein zusätzliches Muster der Selbstorganisation.

2. Der PTBS-Kern ist unverzichtbar

In populären Darstellungen wird komplexe PTBS häufig vor allem über Emotionsregulation, Scham, negatives Selbstbild oder Beziehungsschwierigkeiten beschrieben. Diese Bereiche gehören tatsächlich zur Diagnose – aber erst zusätzlich zum vollständigen PTBS-Kern.

Ohne die drei PTBS-Kernbereiche gibt es nach ICD-11 keine komplexe PTBS. Das ist wichtig, weil Schwierigkeiten mit Emotionen, Selbstbild oder Beziehungen auch bei vielen anderen psychischen oder neurodevelopmentalen Konstellationen auftreten können.

Wiedererleben in der Gegenwart

Gemeint ist nicht einfach häufiges Erinnern oder Grübeln. Die ICD-11 beschreibt ein Wiedererleben traumatischer Erfahrungen in der Gegenwart – etwa in Form lebhafter intrusiver Erinnerungen, Flashbacks oder Albträume, bei denen die emotionale Qualität des damaligen Geschehens erneut gegenwärtig wird.

Vermeidung

Vermeidung bezieht sich auf traumabezogene Gedanken, Erinnerungen oder Gefühle sowie auf Personen, Orte, Gespräche oder Situationen, die an das Geschehen erinnern. Allgemeiner sozialer Rückzug ist deshalb nicht automatisch traumabezogene Vermeidung.

Anhaltendes Gefühl gegenwärtiger Bedrohung

Dieser Bereich kann sich zum Beispiel in erhöhter Wachsamkeit oder ausgeprägter Schreckhaftigkeit zeigen. Auch hier ist wichtig: hohe Reizwahrnehmung oder Reizempfindlichkeit ist nicht automatisch dasselbe wie traumabezogene Bedrohungswahrnehmung.

🟠 Neurofacetten-Verdichtung: Dass zwei Menschen dasselbe vermeiden oder ähnlich wachsam wirken, bedeutet nicht automatisch, dass dieselben Prozesse dahinterstehen.

3. Störungen der Selbstorganisation

Zusätzlich zum PTBS-Kern beschreibt die ICD-11 bei komplexer PTBS drei Bereiche sogenannter Störungen der Selbstorganisation.

Affektregulation

Affektregulationsschwierigkeiten bedeuten nicht nur besonders starke oder schnell eskalierende Gefühle. Sie können sich auch in emotionaler Taubheit, Abgeschaltetsein oder eingeschränktem Zugang zu Gefühlen zeigen. Im International Trauma Questionnaire werden deshalb sowohl langes Nicht-zur-Ruhe-Kommen als auch emotionales Abgeschaltetsein erfasst.

Infografik: Affektregulation kann in beide Richtungen schwierig sein

Infografik „Affektregulation kann in beide Richtungen schwierig sein“. Links Überaktivierung mit sehr intensiven Emotionen, schnellen Reaktionen und langer Beruhigungsdauer. Rechts Unteraktivierung mit emotionaler Taubheit, Abgeschaltetsein und reduziertem Zugang zu Gefühlen. In der Mitte steht, dass Schwierigkeiten sich als Über- oder Unteraktivierung zeigen und bei manchen Menschen auch wechseln können.

Kurzbeschreibung: Schwierigkeiten der Affektregulation können sich als starke emotionale Aktivierung oder als gedämpfter beziehungsweise schwer zugänglicher Gefühlszustand zeigen.

Einordnung: 🟢 ICD-11-nahe Darstellung, orientiert an der Operationalisierung im International Trauma Questionnaire.

Negatives Selbstkonzept

Gemeint ist nicht einfach gelegentliche Selbstunsicherheit. Beschrieben wird ein anhaltendes und weitreichendes negatives Erleben der eigenen Person, etwa als wertlos, besiegt oder dauerhaft gescheitert, häufig verbunden mit Scham oder Schuld.

Beziehungsschwierigkeiten

Hier geht es insbesondere um anhaltende Schwierigkeiten mit emotionaler Nähe, Verbundenheit oder dem Aufrechterhalten enger Beziehungen. Auch diese Beschreibung ist nicht diagnostisch exklusiv: Ähnliche sichtbare Schwierigkeiten können aus sehr unterschiedlichen Prozessen entstehen.

🟠 Neurofacetten-Verdichtung: „Beziehungsschwierigkeiten“ beschreibt eine Oberfläche. Diagnostik muss nach Muster, Verlauf, Kontext und möglicher Funktion fragen.

4. Komplexes Trauma ist nicht komplexe PTBS

Komplexes Trauma beschreibt typischerweise einen Belastungskontext: wiederholte oder langanhaltende Erfahrungen, häufig zwischenmenschlich und häufig schwer zu verlassen oder ihnen zu entkommen.

Komplexe PTBS beschreibt dagegen ein bestimmtes diagnostisches Symptomprofil.

Infografik: Komplexes Trauma ist nicht dasselbe wie komplexe PTBS

Infografik „Komplexes Trauma ist nicht dasselbe wie komplexe PTBS“. Links wird komplexes Trauma als wiederholte oder langanhaltende, häufig zwischenmenschliche Belastung beschrieben, der oft schwer zu entkommen ist. Ein Pfeil zeigt: Es erhöht die Wahrscheinlichkeit für komplexe PTBS. Rechts wird komplexe PTBS als diagnostisches Symptomprofil mit PTBS-Kern, Störungen der Selbstorganisation und relevanten Auswirkungen im Alltag dargestellt. Kernaussage: Nicht jede komplexe Traumatisierung führt zu komplexer PTBS und komplexe PTBS setzt keinen bestimmten Traumatyp voraus.

Kurzbeschreibung: Komplexes Trauma beschreibt einen Belastungskontext, komplexe PTBS ein definiertes Symptomprofil. Wiederholte und langanhaltende Traumatisierung kann das Risiko erhöhen, legt die Diagnose aber nicht fest.

Einordnung: 🟢 ICD-11-Klassifikation plus 🟡 aktueller Forschungsstand zu Risikozusammenhängen.

Die ICD-11 verlangt keinen bestimmten Traumatyp für die Diagnose. Chronische, wiederholte und interpersonelle Traumatisierung erhöht die Wahrscheinlichkeit einer komplexen PTBS, ist aber weder notwendig noch hinreichend.

Eine Meta-Analyse von 24 Studien mit 17.075 Personen fand, dass belastende Kindheitserfahrungen sowohl mit PTBS als auch mit komplexer PTBS zusammenhingen; der Zusammenhang war für komplexe PTBS stärker. Das beschreibt ein erhöhtes Risiko – keinen deterministischen Zusammenhang.

🟠 Neurofacetten-Verdichtung: Traumatisierung verändert Wahrscheinlichkeiten. Sie schreibt keine Diagnose fest.

5. Kindheitstrauma, Bindungstrauma und Entwicklungstrauma

Komplexe PTBS wird häufig mit Kindheitstrauma gleichgesetzt. Frühe, wiederholte interpersonelle Traumatisierung ist tatsächlich ein wichtiger Risikokontext. Sie ist aber kein notwendiges Diagnosekriterium.

Kindheitstrauma ist deshalb nicht automatisch komplexe PTBS – und komplexe PTBS setzt nicht automatisch Kindheitstrauma voraus.

Auch Begriffe wie „Bindungstrauma“, „Entwicklungstrauma“, developmental trauma oder relational trauma werden in klinischen, theoretischen und populären Kontexten verwendet. Sie sind jedoch nicht synonym mit der ICD-11-Diagnose komplexe PTBS.

Bindungs- und Entwicklungsmodelle können hilfreiche Deutungsrahmen sein. Ihr Status ist jedoch ein anderer als der einer diagnostischen Klassifikation.

6. Warum ältere Texte manchmal etwas anderes meinen

Die Idee einer komplexen Traumafolgestörung ist älter als die heutige ICD-11-Diagnose. Frühere Konzepte sollten die langfristigen Folgen insbesondere wiederholter und interpersoneller Traumatisierung erfassen.

Unter dem Begriff DESNOS – Disorders of Extreme Stress Not Otherwise Specified – wurden beispielsweise wesentlich mehr Bereiche diskutiert, darunter Dissoziation, Somatisierung, Impulsregulation, Selbstwahrnehmung, Beziehungsgestaltung und Sinnsysteme.

Die heutige ICD-11-Diagnose ist enger definiert. Deshalb sollte ältere Literatur zu „complex trauma“ oder frühen Konzepten komplexer PTBS nicht automatisch so gelesen werden, als untersuche sie exakt das heutige ICD-11-Konstrukt.

7. ICD-11 und DSM-5-TR ordnen unterschiedlich

Die ICD-11 unterscheidet PTBS und komplexe PTBS als zwei verwandte Diagnosen. Eine Person erhält nach diesem System entweder PTBS oder komplexe PTBS, nicht beide gleichzeitig.

Das DSM-5-TR enthält dagegen keine separate Diagnose „komplexe PTBS“. Sein PTBS-Konzept ist breiter gefasst und enthält unter anderem zusätzliche Symptome aus den Bereichen Kognition und Stimmung sowie einen dissoziativen Subtyp.

Das bedeutet nicht, dass eines der Systeme komplexe Traumafolgen „anerkennt“ und das andere nicht. Die Klassifikationssysteme schneiden den diagnostischen Raum unterschiedlich zu.

8. Dissoziation: relevant, aber nicht notwendig

Dissoziative Symptome können bei komplexer PTBS vorkommen und zeigen in Studien einen moderaten bis starken Zusammenhang mit der Symptomatik. Sie bilden in der ICD-11 jedoch keinen eigenen notwendigen Symptomcluster.

Eine populationsbasierte Untersuchung fand sowohl eine Gruppe mit komplexer PTBS ohne ausgeprägte Dissoziation als auch eine Gruppe mit komplexer PTBS und ausgeprägter Dissoziation. In der zweiten Gruppe waren psychische Belastung und funktionelle Beeinträchtigung im Mittel höher.

Deshalb gilt weder „Wer komplexe PTBS hat, dissoziiert zwangsläufig stark“ noch „Wer stark dissoziiert, hat vermutlich komplexe PTBS“.

9. Wie gut ist die Diagnose empirisch abgesichert?

Eine systematische Review von 33 Studien zum International Trauma Questionnaire fand wiederholt Unterstützung für sechs Symptomgruppen, einen übergeordneten PTBS- und einen Selbstorganisationsbereich sowie unterscheidbare PTBS- und komplexe-PTBS-Profile.

Das spricht dafür, dass komplexe PTBS nicht lediglich eine unscharfe klinische Wortschöpfung ist. Gleichzeitig bleiben Fragen offen: Wie kategorial ist die Grenze zu PTBS? Wie viel der Unterscheidung spiegelt Art, wie viel Schweregrad wider? Welche Faktorenstruktur beschreibt die Symptome in unterschiedlichen Populationen am besten?

🟡 Aktueller Forschungsstand: Zahlreiche psychometrische Studien stützen die empirische Unterscheidbarkeit von PTBS und komplexer PTBS. Gleichzeitig sind Fragen zur kategorialen Abgrenzung, zum Einfluss des Schweregrads und zur optimalen Faktorenstruktur weiterhin offen.

10. Wie häufig ist komplexe PTBS?

Eine aktuelle Meta-Analyse von 167 Studien mit 138.681 Teilnehmenden schätzte eine gepoolte Prävalenz von etwa 6,2 Prozent. Diese Zahl sollte jedoch nicht als allgemeiner Bevölkerungswert gelesen werden.

Die Schätzungen unterschieden sich stark zwischen den untersuchten Populationen. Besonders hohe Werte fanden sich beispielsweise in klinischen Stichproben und bei stark traumaexponierten Gruppen.

🟡 Aktueller Forschungsstand: Wie häufig komplexe PTBS gefunden wird, hängt stark von Population, Traumaexposition, Erhebungsinstrument und Studiendesign ab.

11. ITQ und ITI: Kriterien erfassen ist nicht dasselbe wie diagnostizieren

Der International Trauma Questionnaire (ITQ) ist ein kurzer Selbstbericht zur Erfassung von ICD-11-PTBS und komplexer PTBS. Er enthält sechs Items zum PTBS-Kern, sechs zu den drei Bereichen der Selbstorganisation sowie Fragen zu funktionellen Beeinträchtigungen.

Die deutsche Version wurde psychometrisch untersucht. In einer traumaexponierten Stichprobe von 500 Erwachsenen aus der deutschen Allgemeinbevölkerung wurde ihre Mess- und Faktorenvalidität grundsätzlich bestätigt.

Der ITQ kann jedoch nur eine vorläufige diagnostische Einordnung liefern. Ein Selbstbericht ersetzt nicht den gesamten klinischen Kontext.

Mit dem International Trauma Interview (ITI) existiert inzwischen außerdem ein halbstrukturiertes klinisches Interview für PTBS und komplexe PTBS. Auch für die deutsche Version liegen erste Validierungsdaten vor.

🟠 Neurofacetten-Verdichtung: Ein Fragebogen kann Kriterien operationalisieren. Er kann nicht den gesamten diagnostischen Kontext ersetzen.

12. Ein kurzer Blick auf Borderline-Persönlichkeitsstörung

Komplexe PTBS und Borderline-Persönlichkeitsstörung können sich in Affektregulation, Selbstbild, Beziehungen und Dissoziation überschneiden. Sie sind deshalb differentialdiagnostisch relevant, aber nicht synonym.

Systematische Reviews finden überwiegend unterscheidbare Profile bei zugleich realer Überschneidung und möglicher Komorbidität. Ein vergleichsweise robuster Unterschied betrifft das Selbstkonzept: Bei komplexer PTBS wird eher ein anhaltend negatives Selbstbild beschrieben, während bei Borderline-Persönlichkeitsstörung Instabilität und Fragmentierung stärker im Vordergrund stehen können. Auch diese Unterschiede sind keine Einzelmarker, die allein eine Diagnose entscheiden.

13. Was komplexe PTBS nicht automatisch bedeutet

Aus der Diagnose lässt sich nicht automatisch ableiten, dass das Trauma in der Kindheit stattfand, dass „Bindungstrauma“ zugrunde liegt, dass eine Person stark dissoziiert, dass Erinnerungen lückenhaft sein müssen, dass Beziehungen unmöglich sind oder dass jedes heutige Problem traumabedingt ist.

Infografik: Was komplexe PTBS nicht automatisch bedeutet

Infografik „Was komplexe PTBS nicht automatisch bedeutet“. Die Diagnose sagt nicht automatisch, dass das Trauma in der Kindheit stattfand, dass es sich um Bindungstrauma handelt, dass eine Person stark dissoziiert, dass Erinnerungen lückenhaft sein müssen, dass eine Person keine Beziehungen führen kann, dass alle heutigen Probleme traumabedingt sind, dass andere Diagnosen ausgeschlossen sind oder dass aus der Traumageschichte allein erkennbar wäre, welche Symptome heute bestehen.

Kurzbeschreibung: Die Diagnose beschreibt ein Symptomprofil. Sie erlaubt keine automatischen Rückschlüsse auf Alter oder Art der Traumatisierung, Dissoziation, Erinnerung, Beziehungsfähigkeit, andere Diagnosen oder die Ursache jedes heutigen Problems.

Einordnung: 🟠 Neurofacetten-Verdichtung auf Grundlage der diagnostischen Kriterien und des aktuellen Forschungsstands.

Ebenso schließt eine komplexe PTBS andere Diagnosen nicht aus. Eine Traumageschichte erklärt zudem nicht automatisch, welche heutigen Symptome auf welche Prozesse zurückgehen.

14. Eine Traumageschichte ist noch keine Differentialdiagnose

Eine Person kann frühe belastende Erfahrungen erlebt haben und heute sozial zurückgezogen, reizempfindlich, emotional dysreguliert oder sehr kontrollorientiert wirken. Daraus folgt noch nicht, dass all diese Merkmale durch Trauma entstanden sind.

Trauma kann Ursache bestimmter Symptome sein, bestehende Schwierigkeiten verstärken, deren Ausdruck verändern oder gleichzeitig mit einer neurodevelopmentalen Bedingung vorliegen. Für einzelne sichtbare Merkmale kann Trauma aber auch nicht die wichtigste Erklärung sein.

Infografik: Gleiches sichtbares Verhalten – unterschiedliche Prozesse

Infografik „Gleiches sichtbares Verhalten – unterschiedliche Prozesse“. Im Zentrum steht Rückzug, zum Beispiel weniger soziale Kontakte, Isolation oder das Meiden von Aktivitäten. Als mögliche Prozesse werden traumabezogene Vermeidung, sensorische Überlastung, Erschöpfung, soziale Angst und depressive Symptome gezeigt. Kernaussage: Dasselbe sichtbare Verhalten kann aus unterschiedlichen Prozessen entstehen, und manchmal wirken mehrere gleichzeitig.

Kurzbeschreibung: Rückzug kann beispielsweise traumabezogene Vermeidung, sensorische Überlastung, Erschöpfung, soziale Angst oder depressive Symptome widerspiegeln. Mehrere Prozesse können gleichzeitig wirken.

Einordnung: 🟠 Neurofacetten-Verdichtung zur diagnostischen Einordnung. Die Beispiele sind keine Differentialdiagnose und keine vollständige Ursachenliste.

🟠 Neurofacetten-Verdichtung: Eine plausible Entstehungsgeschichte ist noch keine Differentialdiagnose.

15. Warum das für Neurodivergenz relevant wird

Einige sichtbare Merkmale komplexer PTBS können auch bei anderen Bedingungen vorkommen: Rückzug, Schwierigkeiten mit Emotionsregulation, ein hohes Bedürfnis nach Vorhersagbarkeit, Beziehungsschwierigkeiten, Übererregung, Abschalten oder ein negatives Selbstbild.

Diese Überschneidungen bedeuten weder, dass Autismus oder ADHS Traumafolgen seien, noch dass Trauma bei neurodivergenten Menschen nicht zusätzlich auftreten könne. Sie zeigen vielmehr, warum Diagnostik Entwicklungsverlauf, Symptomstruktur, Kontext, Funktion und die mögliche Koexistenz mehrerer Bedingungen berücksichtigen muss.

16. Fazit

Komplexe PTBS ist eine klar operationalisierte ICD-11-Diagnose. Sie ist zugleich enger definiert, als der Begriff in Alltagssprache und sozialen Medien häufig verwendet wird.

Die Diagnose erfordert die drei PTBS-Kernbereiche Wiedererleben, Vermeidung und anhaltende Bedrohungswahrnehmung sowie zusätzliche Schwierigkeiten der Affektregulation, des Selbstkonzepts und der Beziehungsgestaltung.

Langandauernde, frühe und interpersonelle Traumatisierung erhöht die Wahrscheinlichkeit dieses Musters. Sie bestimmt die Diagnose jedoch nicht automatisch.

🟠 Neurofacetten-Verdichtung: Traumageschichte beschreibt, was geschehen ist. Diagnose beschreibt ein bestimmtes Muster dessen, was daraus heute geworden sein kann.

Nicht alles, was nach Trauma bleibt, ist komplexe PTBS – und nicht alles, was bei einem traumatisierten Menschen sichtbar ist, muss durch Trauma erklärt werden.

17.Kernquellen

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  • Huynh et al. (2025): Prevalence of Complex Post-Traumatic Stress Disorder (CPTSD): A Systematic Review and Meta-Analysis. Psychiatry Research, 351, 116586. DOI: 10.1016/j.psychres.2025.116586. PubMed.
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Stand: 17. Oktober 2026. Das Dossier unterscheidet bewusst zwischen ICD-11-Klassifikation, aktuellem Forschungsstand, theoretischen Traumamodellen und Erfahrungswissen. Es dient der Einordnung, nicht der Selbstdiagnose.

Redaktion: Neurofacetten. Über das Projekt · Perspektive, Wissensstatus und Arbeitsweise · Hinweise und Korrekturen

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