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Exekutive Funktionen im Alltag: Autismus und ADHS bei Erwachsenen

Grundlagen · Alltag · Exekutive Funktionen

Anfangen, im Kopf behalten, ordnen, wechseln und aufhören: Wie exekutive Anforderungen im Erwachsenenalltag sichtbar werden können – und was wir über ihre Zusammenhänge mit Autismus und ADHS wissen.

Quellen und Aussagegrenzen · Stand: 24. Oktober 2026 · Wissensstatus und Arbeitsweise

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Du kannst den Beitrag auch als Hörfassung hören. Sie basiert auf dem redaktionellen Stand vom 26. Oktober 2026.

Die Rechnung liegt seit Tagen auf dem Tisch. Du möchtest sie bezahlen, das Geld ist da. Trotzdem bleibt sie liegen.

Im Gespräch weißt du genau, was du sagen möchtest. Während du auf eine passende Pause wartest, verschwindet der Gedanke.

Oder du arbeitest konzentriert an etwas. Jemand stellt eine kurze Frage – und danach findest du kaum zurück.

Solche Situationen können mit exekutiven Funktionen zusammenhängen. Ähnliche Schwierigkeiten können jedoch unterschiedliche Gründe haben. Von außen lässt sich das oft nicht unterscheiden.

1. Was sind exekutive Funktionen?

Wissensstatus: Forschung; die genaue Einteilung unterscheidet sich zwischen Modellen.

Exekutive Funktionen unterstützen uns dabei, unser Handeln an Zielen auszurichten – besonders, wenn vertraute Routinen nicht ausreichen. Eine verbreitete Einteilung unterscheidet drei Kernbereiche: [1]

  • Arbeitsgedächtnis: Informationen kurz verfügbar halten und mit ihnen arbeiten.
  • Inhibition: eine unmittelbare Reaktion zurückhalten oder störende Informationen ausblenden.
  • Kognitive Flexibilität: zwischen Aufgaben, Regeln oder Perspektiven wechseln.

Darauf bauen komplexere Leistungen wie Planen und Problemlösen auf. Aufgabenbeginn und Organisation werden im Alltag ebenfalls häufig unter dem Begriff besprochen. Es handelt sich um zusammenwirkende Prozesse, nicht um einen einzelnen inneren Schalter. [1]

Infografik „Was eine Alltagshandlung alles braucht“ mit fünf Beispielen: Anfangen – die Rechnung liegt bereit, doch der erste Schritt gelingt nicht. Im Kopf behalten – eine Ablenkung lässt den ursprünglichen Auftrag verloren gehen. Ordnen und planen – Aufräumen enthält viele Schritte, der Anfang bleibt unklar. Wechseln – nach einer kurzen Frage braucht das Zurückfinden zur Arbeit Zeit. Aufhören – die laufende Tätigkeit lässt sich trotz geplantem Feierabend schwer beenden. Ähnliche Schwierigkeiten können bei Autismus und ADHS vorkommen; die beteiligten Prozesse sind individuell. Vereinfachte Alltagsdarstellung, keine diagnostischen Merkmale. Grundlage: Diamond (2013); Beispiele: Neurofacetten.
Fünf veranschaulichende Anforderungen, keine feste Reihenfolge und keine vollständige Systematik. Beispiele: Neurofacetten; fachliche Grundlage: Diamond (2013). Infografik in voller Größe öffnen

2. Fünf Beispiele aus dem Erwachsenenalltag

1. Anfangen: Die Rechnung bleibt liegen

Du siehst die Rechnung und denkst: „Das mache ich heute.“ Dafür müsstest du den Brief öffnen, die Angaben prüfen, das Banking aufrufen und die Überweisung eingeben. Die Aufgabe ist überschaubar. Trotzdem kommt der erste Schritt nicht zustande.

Vielleicht bleibt unklar, wo du anfangen sollst. Vielleicht bindet eine andere Tätigkeit deine Aufmerksamkeit. Vielleicht weißt du genau, was nötig wäre, und kommst dennoch nicht ins Handeln.

Hier kann der Aufgabenbeginn schwierig sein. Aus dem liegen gebliebenen Brief lässt sich nicht ablesen, wie wichtig dir die Sache ist oder wie oft du bereits daran gedacht hast.

2. Im Kopf behalten: Unterwegs geht der Auftrag verloren

Du gehst ins Schlafzimmer, um die Unterlagen für einen Termin zu holen. Unterwegs siehst du ein Glas und bringst es in die Küche. Dort fällt dir die Spülmaschine auf. Ein paar Minuten später weißt du noch, dass du etwas holen wolltest. Aber was?

Hier können Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeitssteuerung beteiligt sein. Das ursprüngliche Vorhaben muss verfügbar bleiben, während neue Eindrücke hinzukommen.

Auch ein Gespräch kann diese Anforderung stellen: zuhören, die eigene Antwort behalten und gleichzeitig auf einen passenden Moment warten. Geht der Gedanke verloren, kann das Gespräch anstrengend werden, obwohl das Interesse daran groß ist.

3. Ordnen und planen: „Aufräumen“ hat keinen klaren Anfang

Am Samstag möchtest du aufräumen. Du beginnst mit dem Tisch, findest Unterlagen und möchtest sie abheften. Dafür fehlt ein Ordner. Auf der Suche danach öffnest du einen Schrank, den du ebenfalls sortieren müsstest.

Nach einer Stunde bist du erschöpft. Die Wohnung sieht unordentlicher aus als vorher.

Hier können das Zerlegen einer Aufgabe, das Setzen von Prioritäten und das Festhalten am Ziel schwierig sein. „Aufräumen“ ist eine kurze Bezeichnung für viele Entscheidungen: Was gehört wohin? Was ist zuerst dran? Was kann warten? Wann ist genug erledigt?

Von außen ist das Ergebnis sichtbar. Die bereits geleistete Denkarbeit bleibt leicht verborgen.

4. Wechseln: Die kurze Frage unterbricht mehr als einen Moment

Du schreibst an einem Text und hältst mehrere Zusammenhänge im Kopf. Dann fragt jemand, was ihr später essen wollt.

Die Antwort dauert zwanzig Sekunden. Zurück am Text musst du erst rekonstruieren, wo du warst und was als Nächstes kommen sollte.

Hier sind Aufgabenwechsel und das Wiederaufnehmen des vorherigen Ziels gefragt. Die Unterbrechung kann kurz sein und das Zurückfinden trotzdem Zeit brauchen.

5. Aufhören: Der Feierabend beginnt immer später

Du möchtest nur noch eine Kleinigkeit fertig machen. Dann entdeckst du einen Fehler, recherchierst etwas nach und bearbeitest den nächsten Abschnitt.

Du hattest vor, längst aufzuhören. Der Übergang zum Essen oder Schlafengehen gelingt trotzdem nicht.

Auch das Beenden einer Tätigkeit kann Steuerung verlangen. Das Vorhaben „Feierabend machen“ muss gegenüber der laufenden Tätigkeit wirksam werden.

3. Was hat das mit ADHS und Autismus zu tun?

ADHS im Erwachsenenalter

Wissensstatus: Forschung.

Auch bei Erwachsenen mit ADHS finden Studien im Durchschnitt Unterschiede in exekutiven Leistungen. Eine Metaanalyse von 27 Studien fand beispielsweise Schwierigkeiten beim Hemmen einer bereits eingeleiteten Reaktion in einer bestimmten Testaufgabe. Ein solcher Gruppenbefund sagt nicht voraus, wie eine einzelne Person im Alltag handelt. [2]

Wissensstatus: Erfahrungswissen, in einer kleinen qualitativen Studie untersucht.

In Interviews mit zwölf Erwachsenen mit ADHS beschrieben Teilnehmende, wie das Gelingen alltäglicher Tätigkeiten mit Inspiration, unterstützenden Bedingungen und dem Zusammensein mit anderen verbunden war. Die Studie erschließt Erfahrungen; sie beziffert nicht deren Häufigkeit und belegt keine allgemeine Ursache. [3]

Autismus im Erwachsenenalter

Wissensstatus: Erfahrungswissen und aktueller Forschungsstand.

In einer qualitativen Studie mit 32 autistischen Erwachsenen berichteten Teilnehmende über Schwierigkeiten beim Beginnen, Beenden und Wechseln von Tätigkeiten – auch bei Handlungen, die sie selbst ausführen wollten. [4]

Eine weitere Interviewstudie mit 24 autistischen Erwachsenen beschrieb Übergänge teilweise als aufwendig und erschöpfend. Teilnehmende berichteten zugleich von Freude beim tiefen Eintauchen in eine Tätigkeit. Für Schwierigkeiten mit dem Starten, Stoppen und Wechseln verwenden manche autistische Menschen den Begriff „autistische Inertia“. Wie diese Erfahrungen mit exekutiven Funktionen und weiteren Prozessen zusammenhängen, bleibt offen. [5]

Das ergibt kein universelles Leistungsprofil: In einer Untersuchung von 2025 erzielten autistische und nichtautistische Erwachsene in den zentralen Maßen mehrerer exekutiver Testaufgaben ähnliche Ergebnisse. Autistische Teilnehmende reagierten jedoch häufig langsamer; einzelne weitere Unterschiede wurden ebenfalls gefunden. Das beschreibt die untersuchten Aufgaben und Stichproben, nicht sämtliche Anforderungen des Alltags. [6]

Überschneidungen und gemeinsames Vorkommen

Wissensstatus: aktueller Forschungsstand; die folgende Vergleichsübersicht betrifft Kinder und Jugendliche.

Eine Metaanalyse von 36 Studien fand deutliche Überschneidungen zwischen Autismus und ADHS. Leistungstests zeigten kein klar getrenntes Gesamtprofil; bei Fragebögen wurden in der ADHS-Gruppe stärkere Schwierigkeiten berichtet. Tests und Alltagsfragebögen erfassen offenbar unterschiedliche Aspekte. [7]

Bei Kindern und Jugendlichen mit beiden Diagnosen ergab sich in dieser Auswertung ein ähnlicheres Profil zur ADHS-Gruppe und mehr Schwierigkeiten als in der Gruppe mit ausschließlich Autismus. Daraus folgt keine Regel, dass sich Schwierigkeiten bei jeder Person addieren. Die Ergebnisse sind nicht uneingeschränkt auf Erwachsene übertragbar. [7]

Die fünf Alltagsbeispiele lassen sich deshalb nicht zuverlässig auf „typisch ADHS“ und „typisch Autismus“ verteilen. Eine einzelne Situation erlaubt weder eine Diagnose noch eine eindeutige Erklärung.

4. Warum die Bedingungen zählen

Eine unbeantwortete Nachricht könnte damit zusammenhängen, dass du beim Lesen unterbrochen wurdest und später nicht mehr daran denkst. Vielleicht fällt der Aufgabenbeginn schwer. Vielleicht bist du unsicher, wie du antworten möchtest, oder hast gerade keine Kapazität für das Gespräch. Dies sind mögliche Einordnungen, keine aus dem Verhalten ablesbaren Ursachen.

Auch die Bedingungen können exekutive Leistungen beeinflussen: Stress und Schlafmangel können sie beeinträchtigen. Dass etwas gestern gelungen ist, bedeutet deshalb nicht automatisch, dass es heute ebenso gelingt. [1]

Für die Einordnung ist außerdem hilfreich, zwischen einer klar angeleiteten Testaufgabe und einem selbst organisierten Alltag zu unterscheiden. Ein Testwert allein beantwortet nicht alle Fragen nach dem Unterstützungsbedarf. Die Unterschiede zwischen Messverfahren werden auch in der Vergleichsforschung sichtbar. [7]

5. Genauer hinschauen

Wissensstatus: Neurofacetten-Verdichtung.

Hinter einer scheinbar kleinen Aufgabe können viele unsichtbare Anforderungen liegen.

Eine Rechnung verlangt mehr als das Wissen, wie eine Überweisung funktioniert. Ein Gespräch verlangt mehr als Interesse. Feierabend verlangt manchmal mehr als den Wunsch nach Ruhe.

Was wird hier gerade gebraucht – anfangen, behalten, ordnen, wechseln oder aufhören?

Diese Frage kann helfen, genauer zu betrachten, was eine Handlung gerade schwierig macht. Sie erklärt nicht jede Situation. Aber sie lässt Raum für Unterschiede, die im sichtbaren Ergebnis allein kaum zu erkennen sind.

6.Quellen und Aussagegrenzen

Fachlich geprüft am 24. Oktober 2026 anhand der unten verlinkten Publikationen und ihrer Zusammenfassungen. Die Auswahl dient der Einordnung dieses Artikels und ist keine systematische Literaturübersicht.

Zur Einordnung: Wissenschaftliche Befunde beschreiben untersuchte Gruppen und Verfahren. Qualitative Studien dokumentieren die Erfahrungen ihrer Teilnehmenden. Sie liefern keine repräsentativen Häufigkeiten. Die fünf Alltagssituationen und ihre möglichen Zuordnungen stammen von Neurofacetten.

  1. Diamond, A. (2013). Executive Functions. Annual Review of Psychology, 64, 135–168. Grundlagenübersicht zu Kernbereichen, komplexeren Leistungen und Einflüssen wie Stress und Schlafmangel.
  2. Senkowski, D., Ziegler, T., Singh, M., Heinz, A., He, J., Silk, T., & Lorenz, R. C. (2024; online 2023). Assessing Inhibitory Control Deficits in Adult ADHD: A Systematic Review and Meta-analysis of the Stop-signal Task. Neuropsychology Review, 34, 548–567. Metaanalyse einer spezifischen Hemmungsaufgabe; kein vollständiges Alltagsprofil.
  3. Ek, A., & Isaksson, G. (2013). How adults with ADHD get engaged in and perform everyday activities. Scandinavian Journal of Occupational Therapy, 20(4), 282–291. Qualitative Interviews mit zwölf Erwachsenen im Alter von 21 bis 38 Jahren.
  4. Buckle, K. L., Leadbitter, K., Poliakoff, E., & Gowen, E. (2021). “No Way Out Except From External Intervention”: First-Hand Accounts of Autistic Inertia. Frontiers in Psychology, 12, 631596. Qualitative Fokusgruppen mit 32 autistischen Erwachsenen; untersucht subjektive Erfahrungen, keine abschließende Erklärung der Mechanismen.
  5. Rapaport, H., Clapham, H., Adams, J., Lawson, W., Porayska-Pomsta, K., & Pellicano, E. (2024; online 2023). ‘I live in extremes’: A qualitative investigation of Autistic adults’ experiences of inertial rest and motion. Autism, 28(5), 1305–1315. Interviews mit 24 autistischen Erwachsenen; keine Aussage zur Häufigkeit in der gesamten autistischen Bevölkerung.
  6. Jertberg, R. M., Begeer, S., Geurts, H. M., Chakrabarti, B., & Van der Burg, E. (2025). Slow but Steady: Similarities and Differences in Executive Functioning Between Autistic and Non-Autistic Adults. Autism Research, 18(4), 802–819. Untersuchung exekutiver Testleistungen im Erwachsenenalter; die Ergebnisse ersetzen keine Erfassung des Alltags.
  7. Ceruti, C., Mingozzi, A., Scionti, N., & Marzocchi, G. M. (2024). Comparing Executive Functions in Children and Adolescents with Autism and ADHD—A Systematic Review and Meta-Analysis. Children, 11(4), 473. 36 Studien; betrifft Kinder und Jugendliche. Messverfahren und untersuchte Gruppen begrenzen die Übertragbarkeit.

Die Infografik und die Alltagssituationen sind redaktionelle Veranschaulichungen. KI wurde für Formulierung und Gestaltung unterstützend eingesetzt; als fachliche Quellen dienen die verlinkten Publikationen.

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