Medienleitfaden · Aussagencheck 003
Autismus und Empathie
Empathie umfasst mehrere Prozesse. Ein Gruppenmittelwert oder eine einzelne Aufgabe beschreibt weder die ganze Person noch ihre gesamte Fähigkeit zu Mitgefühl.
Stand · 18. Oktober 2026
Wissensstatus: Forschungssynthese zu unterschiedlichen Empathiekomponenten; Double Empathy ist zusätzlich ein ausdrücklich gekennzeichneter Deutungsrahmen.
Was wird behauptet?
„Autistische Menschen haben keine Empathie.“
Die Formulierung ist ein redaktionelles Beispiel, kein Zitat aus einem konkret benannten Medienbeitrag.
Was zeigt die Forschung?
In der Forschung werden unter anderem das Verstehen anderer Perspektiven, emotionale Resonanz und empathische Anteilnahme unterschieden. Begriffe und Messverfahren sind nicht einheitlich. Song et al. (2019) fanden in ihrer Metaanalyse Unterschiede je nach untersuchter Komponente und Situation. Ihre Ergebnisse ergeben kein einheitliches Bild einer generell fehlenden Empathie. [1]
Modell / Deutungsrahmen: Milton (2012) beschreibt mit dem Double-Empathy-Problem Verständigung als Beziehungsgeschehen, bei dem unterschiedliche Erfahrungen wechselseitiges Verstehen erschweren können. Der theoretische Beitrag ist kein experimenteller Beweis. [2]
Empirischer Einzelbefund: Crompton et al. (2020) untersuchten Informationsweitergabe in Erzählketten mit insgesamt 72 Erwachsenen. In gemischten Ketten gingen mehr Details verloren als in Ketten desselben Neurotyps. Untersucht wurde Informationsübertragung; das Experiment misst nicht alle Aspekte von Empathie. [3]
Weitere Forschung: Lemos, Brandão und Diniz synthetisierten 15 Studien zu Kindern und Jugendlichen mit Suche bis Juni 2024. Häufig zeigten sich Unterschiede bei kognitiver Empathie; die Befunde zur affektiven Empathie waren überwiegend unauffälliger, aber nicht einheitlich. Kleine, vorwiegend männliche Stichproben und unterschiedliche Messverfahren schränken Verallgemeinerungen ein. Die Übersicht ist keine Metaanalyse und untersucht keine Entwicklung einzelner Kinder über die Zeit. [4]
Cusson et al. (2025): Die Übersicht umfasst 226 Artikel; 205 gingen in die Metaanalyse ein. Die letzte Literaturrecherche erfolgte am 17. Januar 2025. Die zusammengefassten Unterschiede waren bei kognitiven und eindimensionalen Empathiemaßen größer als bei affektiven Maßen. Bei Beschränkung auf höher bewertete Studien war der kleine Unterschied bei affektiver Empathie nicht mehr statistisch signifikant. Das ist kein Nachweis der Gleichheit. Die Autor:innen betonen unterschiedliche Definitionen, viele Selbstauskünfte, kleine Stichproben und teils hohe Heterogenität. Ein allgemeines Fehlen von Empathie bei einzelnen autistischen Menschen lässt sich daraus nicht ableiten. [5]
Was bleibt offen?
Gruppenunterschiede hängen auch davon ab, wie Empathie definiert und gemessen wird. Selbstauskunft, Fremdeinschätzung und Aufgabenleistung sind nicht dasselbe.
Die angeführten Studien beantworten nicht, wie jede autistische Person empfindet oder kommuniziert. Das Double-Empathy-Modell erklärt nicht zwangsläufig jede Schwierigkeit; aus wechselseitigem Missverstehen folgt keine gleiche Verantwortung in jeder Situation.
Welche Schlussfolgerungen sind nicht zulässig?
- Aus einem Mittelwert folgt kein Urteil über eine bestimmte Person.
- Ungewohnte Mimik, Blickverhalten oder Antwortweise sind für sich kein Beweis fehlenden Mitgefühls.
- Aus der Kritik an einem allgemeinen Defizit folgt auch nicht, alle autistischen Menschen seien besonders empathisch.
- Die Erzählkettenstudie beweist weder gleiche Empathie in allen Gruppen noch die vollständige Gültigkeit eines Modells.
Wie lässt sich die Aussage präziser formulieren?
„Studien finden bei autistischen Gruppen Unterschiede in bestimmten Aspekten der Empathie. Welche Unterschiede sichtbar werden, hängt auch vom Messverfahren ab. Ein allgemeines Fehlen von Empathie bei autistischen Menschen lässt sich daraus nicht ableiten.“
Neurofacetten-Verdichtung: eigener Formulierungsvorschlag auf Grundlage der eingeordneten Befunde. Er muss zum konkreten journalistischen Gegenstand passen.
Redaktionelle Prüffragen
- Welche Empathiekomponente und welches Verfahren wurden untersucht?
- Geht es um einen Mittelwert, eine individuelle Erfahrung oder eine theoretische Erklärung?
- Wird eine Kommunikationsstudie fälschlich als direkter Empathietest dargestellt?
Quellen und Einordnung
Quellenstand: 18. Oktober 2026. Die Hinweise bei den einzelnen Quellen erläutern ihre Aussagekraft und Grenzen.
[1] Song, Y., Nie, T., Shi, W., Zhao, X. & Yang, Y. (2019). Empathy Impairment in Individuals With Autism Spectrum Conditions From a Multidimensional Perspective: A Meta-Analysis. Frontiers in Psychology, 10, 1902.
DOI: 10.3389/fpsyg.2019.01902 · Quelle öffnen
Einordnung: Metaanalyse zu unterschiedlichen Empathiekomponenten. Unterschiedliche Definitionen und Messverfahren begrenzen die Vergleichbarkeit der Ergebnisse.
[2] Milton, D. E. M. (2012). On the ontological status of autism: the ‘double empathy problem’. Disability & Society, 27(6), 883–887.
DOI: 10.1080/09687599.2012.710008 · Quelle öffnen
Einordnung: Theoretischer Beitrag zum Double-Empathy-Problem. Er bietet einen relationalen Deutungsrahmen, keinen experimentellen Nachweis.
[3] Crompton, C. J., Ropar, D., Evans-Williams, C. V. M., Flynn, E. G. & Fletcher-Watson, S. (2020). Autistic peer-to-peer information transfer is highly effective. Autism, 24(7), 1704–1712.
DOI: 10.1177/1362361320919286 · Quelle öffnen
Einordnung: Experiment zur Informationsweitergabe mit 72 Erwachsenen mit englischer Muttersprache und durchschnittlichem oder höherem gemessenem IQ. Gemischte Erzählketten begannen jeweils mit einer nichtautistischen Person. Die Ergebnisse gelten nicht automatisch für jede Gesprächssituation oder sämtliche Empathiekomponenten.
[4] Lemos, D., Brandão, T. & Diniz, E. (2026). Empathy in Children and Adolescents with Autism Spectrum Disorder: A Systematic Review. Review Journal of Autism and Developmental Disorders. Online veröffentlicht am 5. Februar 2026.
DOI: 10.1007/s40489-025-00536-8 · Quelle öffnen
Einordnung: Systematische Übersicht über 15 Studien zu Kindern und Jugendlichen mit Literaturrecherche bis Juni 2024. Kleine und überwiegend männliche Stichproben begrenzen die Übertragbarkeit. Veröffentlicht 2026.
[5] Cusson, N. M., Meilleur, A. J., Bernhardt, B. C., Soulières, I. & Mottron, L. (2025). A systematic review and meta-analysis of empathy in autism: The influence of measures. Clinical Psychology Review, 120, 102623.
DOI: 10.1016/j.cpr.2025.102623 · Quelle öffnen
Einordnung: Übersicht über 226 Artikel, davon 205 in der Metaanalyse; letzte Suchaktualisierung am 17. Januar 2025. Die Ergebnisse hängen von Empathiekomponente und Messverfahren ab. Ein nicht signifikanter Gruppenunterschied belegt keine Gleichheit.
