Wissensdossier · Vertiefung · Autismus
Gefühle anderer verstehen, sie mitempfinden und Anteilnahme zeigen: Das sind unterschiedliche Prozesse. Wer über Empathie bei Autist:innen spricht, muss diese Unterschiede berücksichtigen – und die Grenzen dessen, was Forschung messen kann.
Ein Mensch erzählt von einer belastenden Erfahrung. Sein Gegenüber hört zu, bleibt im Gesicht aber kaum bewegt. Nach einer Pause fragt es: „Was kann ich konkret für dich tun?“
Wie viel Mitgefühl steckt in dieser Reaktion?
Aus der sichtbaren Form allein lässt sich das kaum beantworten. Eine sachliche Frage kann Ausdruck von Anteilnahme sein. Eine verzögerte Antwort kann bedeuten, dass jemand Zeit zum Verarbeiten braucht. Und wer die Gefühle eines anderen Menschen nicht sicher erkennt, kann dennoch stark mitfühlen, sobald die Situation verständlich wird.
Die verbreitete Vorstellung, autistischen Menschen fehle Empathie, fasst solche unterschiedlichen Vorgänge zu einer einzigen Eigenschaft zusammen. Für eine sorgfältige Einordnung lohnt es sich, genauer hinzusehen.
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Du kannst den Beitrag auch als Hörfassung hören. Sie basiert auf dem redaktionellen Stand vom 26. Oktober 2026.
1. Was bedeutet Empathie?
🟢 Forschung · Begriffe und Unterscheidungen
In der Forschung gibt es keine einheitliche Definition von Empathie. Häufig werden jedoch kognitive und affektive Aspekte unterschieden. Hinzu kommen verwandte Konzepte wie empathische Anteilnahme und persönlicher Distress. Diese Begriffe beschreiben unterschiedliche Seiten des Erlebens. Harrison et al., 2022
Kognitive Empathie bezeichnet hier das Erkennen und Nachvollziehen der Gefühle eines anderen Menschen: Ich verstehe, wie es dir geht. Dazu können Perspektivübernahme und die Interpretation von Worten, Mimik oder situativen Hinweisen gehören.
Affektive Empathie meint das emotionale Miterleben: Dein Gefühl löst in mir ein entsprechendes Gefühl aus. Wie eng diese Übereinstimmung gefasst wird, unterscheidet sich zwischen Forschungsansätzen. Erkennen und Mitempfinden lassen sich deshalb auch getrennt untersuchen. Santiesteban et al., CARER-Studie
Empathische Anteilnahme richtet sich auf das Wohlergehen der anderen Person: Ich wünsche mir, dass es dir besser geht.
Persönlicher Distress bezeichnet dagegen die eigene Belastung angesichts des Erlebens anderer: Was ich wahrnehme, versetzt mich selbst in starken Stress. Anteilnahme und Distress können nebeneinander auftreten, sind aber nicht gleichbedeutend. Cusson et al., 2025
Diese Unterscheidungen helfen, scheinbare Widersprüche zu verstehen: Ein Mensch kann emotional stark reagieren und zugleich unsicher sein, welches Gefühl das Gegenüber gerade erlebt.
2. Was die Forschung zu Autismus findet
🟡 Aktueller Forschungsstand · Unterschiede hängen auch vom Messverfahren ab
Eine systematische Übersicht von Cusson und Kolleg:innen aus dem Jahr 2025 berücksichtigte 226 Studien. Bei kognitiver Empathie fanden sich im Durchschnitt deutlich niedrigere Werte in autistischen Gruppen. Bei affektiver Empathie war der Unterschied klein; in der Auswertung ausschließlich methodisch hochwertiger Studien war er statistisch nicht mehr signifikant.
Das belegt keine vollständige Gleichheit. Es trägt aber auch keine pauschale Aussage, autistischen Menschen fehle die Fähigkeit zum Mitempfinden. Die Ergebnisse unterschieden sich erheblich zwischen Messinstrumenten und teilweise zwischen deren Unterskalen. Cusson et al., 2025
Gruppendurchschnitte beschreiben zudem keine einzelne Person. Aus ihnen lässt sich nicht ablesen, wie ein bestimmter autistischer Mensch Gefühle versteht, erlebt oder beantwortet.
3. Was ein Empathietest tatsächlich misst
🟡 Aktueller Forschungsstand · Grenzen der Messung
Ein Fragebogen zur Selbsteinschätzung, eine Aufgabe zum Erkennen von Gefühlen und ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen stellen unterschiedliche Anforderungen.
Harrison und Kolleg:innen untersuchten 19 Empathie-Selbstauskunftsmaße. Für fünf fanden sie hochwertige Belege für unzureichende Messeigenschaften. Bei den übrigen bestanden wesentliche Evidenzlücken. Insbesondere war nicht ausreichend geklärt, ob die Instrumente bei autistischen und nicht-autistischen Erwachsenen tatsächlich dasselbe auf vergleichbare Weise erfassen. Harrison et al., 2022
Ein Unterschied im Testergebnis ist deshalb erklärungsbedürftig: Er kann eine untersuchte Fähigkeit betreffen, aber auch mit der Formulierung der Fragen oder den Anforderungen der Aufgabe zusammenhängen.
Das macht Forschung nicht bedeutungslos. Es macht die genaue Beschreibung ihres Gegenstands notwendig.
4. Erkennen und Mitempfinden können auseinanderliegen
🟡 Aktueller Forschungsstand · Befunde aus einzelnen Aufgaben
Eine Studie mit der sogenannten CARER-Aufgabe untersuchte verschiedene emotionale Prozesse getrennt. Nach statistischer Berücksichtigung von Alexithymie zeigten sich bei den autistischen Erwachsenen keine Beeinträchtigungen im Teilen von Gefühlen, in der untersuchten Emotionserkennung oder in affektiver Empathie. Unterschiede fanden sich bei rückblickenden sozial-emotionalen Bewertungen. Santiesteban et al., CARER-Studie
Das Ergebnis gilt für diese Untersuchung und ihre Aufgaben. Es lässt sich nicht auf jede Alltagssituation übertragen. Es verdeutlicht jedoch, weshalb eine einzige Empathieskala wichtige Unterschiede verdecken kann.
🟠 Neurofacetten-Verdichtung
Als sprachliches Beispiel lässt sich diese Unterscheidung so ausdrücken:
„Wenn du mir sagst, wie es dir geht, kann ich stark mitfühlen. Aus deinem Gesichtsausdruck allein hätte ich es vielleicht nicht erkannt.“
Das ist eine Veranschaulichung, kein Studienzitat und keine Beschreibung aller Autist:innen.
5. Wenn das Erleben anderer überwältigt
🟣 Erfahrungswissen · qualitativ untersucht
Manche autistische Menschen beschreiben sehr intensive oder überwältigende Reaktionen auf die Gefühle anderer. Dafür verwenden einige den Begriff „Hyperempathie“.
Kimber und Kolleg:innen befragten 76 autistische Erwachsene zu ihrem empathischen Erleben. Die Antworten zeigten eine große Vielfalt: von Schwierigkeiten beim Einfühlen bis zu intensiver emotionaler Resonanz. Teilnehmende beschrieben außerdem, dass Empathie anstrengend oder von bestimmten Bedingungen abhängig sein kann. Kimber et al., 2024
Solche Berichte machen Erfahrungen sichtbar, die eine reine Defizitbeschreibung nicht erfasst. Die freiwillige Onlinebefragung erlaubt jedoch keine verlässliche Aussage darüber, wie häufig diese Erfahrungen unter Autist:innen insgesamt vorkommen.
„Hyperempathie“ wird hier als Erfahrungsbegriff verwendet. Sie ist kein allgemeines Merkmal von Autismus. Auch intensive eigene Belastung bedeutet nicht automatisch, dass die Gefühle des Gegenübers besonders genau erkannt werden.
6. Welche Rolle spielt Alexithymie?
🟡 Aktueller Forschungsstand · ein möglicher Einflussfaktor
Alexithymie bezeichnet insbesondere Schwierigkeiten, eigene Gefühle zu identifizieren und zu beschreiben. Eine systematische Übersicht fand solche Schwierigkeiten bei autistischen Teilnehmenden häufiger als in nicht-autistischen Vergleichsgruppen. Alexithymie und Autismus sind dennoch unterschiedliche Konzepte. Kinnaird et al., 2019
Einzelne Untersuchungen, darunter die CARER-Studie, sprechen dafür, Alexithymie bei der Interpretation von Empathiebefunden zu berücksichtigen. Daraus folgt keine umfassende Erklärung: In der Meta-Analyse von Cusson und Kolleg:innen war Alexithymie kein statistisch signifikanter Moderator der Empathieunterschiede. Das bedeutet nicht, dass sie für einzelne Menschen keine Rolle spielt. Cusson et al., 2025
7. Verstehen entsteht auch zwischen Menschen
🔵 Modell / Deutungsrahmen · das Double-Empathy-Problem
Mit dem Double-Empathy-Problem beschrieb Damian Milton eine wechselseitige Schwierigkeit: Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungs- und Wahrnehmungsweisen können Probleme haben, einander zu verstehen. Missverständnisse zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen werden damit auch als Frage der Beziehung und gegenseitigen Verständigung betrachtet. Milton, 2012
🟡 Aktueller Forschungsstand · einzelne Aufgaben, unterschiedliche Ergebnisse: Eine Untersuchung von Crompton und Kolleg:innen aus dem Jahr 2020 ließ 72 Erwachsene eine Geschichte entlang von Personenkettengruppen weitergeben. In gemischten Ketten ging mehr Information verloren als in ausschließlich autistischen oder ausschließlich nicht-autistischen Ketten. Crompton et al., 2020: Informationsweitergabe
Eine größere, vorab registrierte Replikation und Erweiterung mit 311 Erwachsenen fand 2025 keinen statistisch signifikanten Unterschied der Informationsweitergabe zwischen diesen Kettentypen. Methodische Änderungen und eine heterogenere Stichprobe sind mögliche Erklärungen für die abweichenden Ergebnisse, aber damit nicht als Ursachen nachgewiesen. Crompton et al., 2025: Volltext
Eine weitere Untersuchung von 2020 betrachtete das erlebte zwischenmenschliche Einvernehmen, den sogenannten Rapport, und fand Unterschiede in Abhängigkeit von der Zusammensetzung der Paare. Informationsweitergabe und Rapport sind dabei unterschiedliche Maße. Crompton et al., 2020: Rapport
🟡 Aktueller Forschungsstand · was diese Befunde offenlassen
Gelingende Informationsweitergabe und angenehmer Kontakt sind jedoch keine direkten Nachweise für kognitive oder affektive Empathie. Eine methodenkritische Übersicht von Fellowes aus dem Jahr 2026 hebt genau diese Lücke hervor: Viele als Unterstützung des Double-Empathy-Problems angeführte Studien messen diese Empathieaspekte nicht unmittelbar. Fellowes, 2026
Das Modell bietet damit eine hilfreiche Perspektive auf wechselseitiges Verstehen. Es erklärt nicht jede individuelle Schwierigkeit und erlaubt keine pauschale Aussage, Menschen desselben Neurotyps verstünden einander immer besser.
Die Untersuchung von 2025 umfasste Erwachsene aus Großbritannien und den USA, die lautsprachlich kommunizierten; die durchschnittlichen IQ-Werte waren hoch. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf Kinder, nichtsprechende Menschen oder Menschen mit intellektueller Behinderung übertragen. Crompton et al., 2025: Grenzen der Untersuchung
🟠 Eigene redaktionelle Einordnung: Der Deutungsrahmen bietet einen Anlass, Beteiligte und Bedingungen gemeinsam zu betrachten. Daraus folgt weder eine gleiche Verteilung von Macht, Verantwortung und Belastung noch eine vollständige Erklärung sozialer Schwierigkeiten.
Stand dieser Ergänzung: 22. Oktober 2026. Die Befunde beziehen sich auf begrenzte Teilfragen; eine einzelne Studie bestätigt oder widerlegt nicht den gesamten Ansatz.
8. Mitgefühl empfinden und Mitgefühl zeigen
🟠 Neurofacetten-Verdichtung · eine Alltagsperspektive
Zwischen innerer Anteilnahme und einer sichtbaren Reaktion können mehrere Anforderungen liegen: die Situation verstehen, die eigene Reaktion verarbeiten, Worte finden und einschätzen, welche Unterstützung willkommen ist.
Das ist keine festgelegte wissenschaftliche Prozesskette. Es ist eine Möglichkeit, beim Beobachten genauer zu fragen.
Eine Person bietet praktische Hilfe an. Eine andere hört still zu. Jemand fragt ausdrücklich: „Möchtest du, dass ich zuhöre, oder sollen wir gemeinsam nach einer Lösung suchen?“ Eine weitere findet erst später Worte.
Die Form einer Reaktion kann Hinweise geben. Sie ist aber kein unmittelbarer Zugang zum inneren Erleben. Zugleich zählt für die Beziehung, ob Unterstützung beim Gegenüber ankommt. Gute Absicht und hilfreiche Wirkung müssen nicht zusammenfallen.
9. Und die Autismusdiagnose?
🟢 Diagnostische Klassifikation
In den DSM-5-Kriterien werden unter anderem Schwierigkeiten der sozial-emotionalen Gegenseitigkeit, der nonverbalen Kommunikation und der Beziehungsgestaltung beschrieben. Ein eigenständiges Kriterium „fehlendes Mitgefühl“ gibt es dort nicht. CDC: diagnostische Kriterien
Diese diagnostischen Beschreibungen sind deshalb nicht mit der Aussage gleichzusetzen, autistische Menschen könnten die Gefühle anderer grundsätzlich nicht mitempfinden.
10. Eine genauere Sprache für unterschiedliche Erfahrungen
🟠 Neurofacetten-Verdichtung
Statt einen Menschen insgesamt als „empathisch“ oder „unempathisch“ einzuordnen, können konkretere Fragen weiterhelfen:
- Erkennt die Person, was das Gegenüber fühlt?
- Was erlebt sie selbst dabei?
- Welche Informationen fehlen ihr?
- Welche Reaktion ist ihr gerade möglich?
- Welche Unterstützung braucht das Gegenüber?
Diese Fragen lassen Raum für Schwierigkeiten, für intensive Anteilnahme und für Unterschiede zwischen Menschen.
Empathie verstehen, Empathie empfinden und Empathie auf eine erkennbare Weise zeigen sind nicht dasselbe.
11. Wissensstatus dieses Artikels
Der Artikel unterscheidet empirische Befunde, offene Forschungsfragen, einen theoretischen Deutungsrahmen und Erfahrungswissen. Die mit „Neurofacetten-Verdichtung“ gekennzeichneten Passagen sind eigene sprachliche Einordnungen. Sie dienen dem Verständnis und beanspruchen nicht den Status eines wissenschaftlich geprüften Modells.
Weiterlesen
Wie gesellschaftliche Erwartungen unser Urteil über Mitgefühl mitprägen könnten, diskutiert der Perspektiven-Essay „Wer gilt als empathisch – und wer entscheidet das?“. Forschung und eigene Position sind dort ausdrücklich getrennt.
Den breiteren Forschungsstand zu diagnostischer Erkennung, Anpassung und geschlechtlichen Erwartungen bei Autismus und ADHS ordnet das Dossier „Geschlecht, Sozialisation und Neurodivergenz“ ein.
12.Quellen und Literatur
Cusson, N. M., Meilleur, A. J., Bernhardt, B. C., Soulières, I., & Mottron, L. (2025). A systematic review and meta-analysis of empathy in autism: The influence of measures. Clinical Psychology Review, 120, 102623. Originalpublikation
Harrison, J. L., Brownlow, C. L., Ireland, M. J., & Piovesana, A. M. (2022). Empathy measurement in autistic and nonautistic adults: A COSMIN systematic literature review. Assessment, 29(2), 332–350. Online zuerst 2020 veröffentlicht. Originalpublikation
Kimber, L., Verrier, D., & Connolly, S. (2024). Autistic people’s experience of empathy and the autistic empathy deficit narrative. Autism in Adulthood, 6(3), 321–330. Originalpublikation
Kinnaird, E., Stewart, C., & Tchanturia, K. (2019). Investigating alexithymia in autism: A systematic review and meta-analysis. European Psychiatry, 55, 80–89. Originalpublikation
Milton, D. E. M. (2012). On the ontological status of autism: The ‘double empathy problem’. Disability & Society, 27(6), 883–887. Originalpublikation
Crompton, C. J., Ropar, D., Evans-Williams, C. V. M., Flynn, E. G., & Fletcher-Watson, S. (2020). Autistic peer-to-peer information transfer is highly effective. Autism, 24(7), 1704–1712. Originalpublikation
Crompton, C. J., Sharp, M., Axbey, H., Fletcher-Watson, S., Flynn, E. G., & Ropar, D. (2020). Neurotype-matching, but not being autistic, influences self and observer ratings of interpersonal rapport. Frontiers in Psychology, 11, 586171. Originalpublikation
Crompton, C. J., Foster, S. J., Wilks, C. E. H., et al. (2025). Information transfer within and between autistic and non-autistic people. Nature Human Behaviour, 9, 1488–1500. Originalpublikation · Frei zugänglicher Volltext.
Fellowes, S. (2026). Cognitive empathy, affective empathy and empirical research on the double empathy problem: A critical methodology review. Journal of Autism and Developmental Disorders. Online-Vorabveröffentlichung. Originalpublikation
Ergänzende Studien- und Kriteriennachweise: CARER-Studie: bibliografischer Datensatz und Abstract · CDC: Clinical Testing and Diagnosis for Autism Spectrum Disorder
Quellenprüfung: 18. Oktober 2026.
