Perspektiven · Essay · Sprache und Normen
Ein Meinungsartikel über geschlechtliche Sozialisation, neurodivergente Ausdrucksweisen und die Erwartungen, die in unserem Urteil über Mitgefühl stecken.
Eine Person hört zu, stellt Rückfragen und findet tröstende Worte. Eine andere bemerkt, was morgen erledigt werden muss, und bietet praktische Hilfe an. Eine dritte ist tief berührt, findet aber zunächst keine Antwort.
Welche dieser Personen wirkt empathisch?
Wahrscheinlich hängt unsere Antwort auch davon ab, welche Form von Anteilnahme wir erwarten. Vielleicht gehört für uns ein bestimmter Tonfall dazu. Vielleicht Blickkontakt. Vielleicht die Fähigkeit, ein Bedürfnis zu erkennen, bevor es ausgesprochen wird.
Meine These ist: Wenn wir Empathie beurteilen, bewerten wir möglicherweise auch, wie gut jemand gelernte und gesellschaftlich erwartete Formen von Zuwendung zeigt. Geschlechtliche Sozialisation könnte dabei mitwirken.
Das ist eine eigene Einordnung von Neurofacetten. Die Forschung liefert dafür Anknüpfungspunkte. Sie bestätigt diese Erklärung bislang nicht als vollständige Kausalkette – insbesondere nicht für Autismus und ADHS.
Was lernen wir, wenn wir lernen, für andere da zu sein?
🟠 Neurofacetten-Einordnung
Zuhören, nachfragen, Trost ausdrücken, Konflikte ansprechen oder Bedürfnisse vorausahnen: Hinter solchen Verhaltensweisen können Mitgefühl, Erfahrung, bewusste Übung und soziale Erwartungen stehen.
Wer früh dazu angehalten wird, auf die Stimmung anderer zu achten, erhält möglicherweise mehr Gelegenheit, diese Aufmerksamkeit zu entwickeln. Wer dafür Anerkennung bekommt, kann sie in sein Selbstbild aufnehmen. Wer bei einem Versäumnis besonders deutlich kritisiert wird, erlebt dieselbe Aufmerksamkeit vielleicht zunehmend als Pflicht.
Diese Überlegung ist plausibel. Sie beschreibt aber noch keinen für alle Menschen nachgewiesenen Entwicklungsweg.
Geschlechtliche Sozialisation ist zudem keine einheitliche Erfahrung. Menschen begegnen unterschiedlichen Erwartungen – abhängig von Familie, Umfeld, Kultur, Lebensphase und davon, wie andere sie geschlechtlich einordnen. Die Geburtszuweisung allein erzählt diese Geschichte nicht.
Was die Forschung dazu beiträgt
🟢 Forschung · 🟡 Grenzen der Erklärung
Bestimmte empathiebezogene Fähigkeiten sind veränderbar. Eine Meta-Analyse randomisierter Trainingsstudien fand im Durchschnitt Verbesserungen in den jeweils untersuchten Empathieaspekten. Daraus folgt jedoch weder, dass Empathie vollständig erlernt ist, noch dass unterschiedliche Erziehung beobachtete Geschlechterunterschiede erklärt. Teding van Berkhout & Malouff, 2016
Auch emotionaler Ausdruck hängt mit dem Kontext zusammen. Eine Meta-Analyse von 166 Studien mit Kindern und Jugendlichen fand insgesamt sehr kleine Geschlechterunterschiede, die unter anderem mit Alter und sozialer Situation variierten. Untersucht wurde sichtbarer Ausdruck – kein unmittelbarer Zugang zum inneren Gefühl und keine umfassende Empathiemessung. Chaplin & Aldao, 2013
Diese Befunde machen Lernen und soziale Bedingungen zu wichtigen Fragen. Sie erlauben keine einfache Aufteilung in angeborene und anerzogene Anteile.
Sich empathisch finden und Gefühle erkennen sind verschiedene Dinge
🟡 Aktueller Forschungsstand
Löffler und Greitemeyer untersuchten in zwei Experimenten Selbstberichte über Empathie und Leistungen bei der Emotionserkennung. Kontext und geschlechtliche Rollenorientierung waren besonders für die Selbstberichte relevant. Die Ergebnisse der Leistungsaufgaben ergaben ein anderes Muster. Die Studie untersuchte allerdings keine spezifisch neurodivergente Gruppe und rekonstruierte keine lebenslange Sozialisation. Löffler & Greitemeyer, 2023; online zuerst 2021
Zugleich wäre es zu einfach, sämtliche Unterschiede als Selbstdarstellung abzutun: Eine Meta-Analyse fand einen kleinen durchschnittlichen Vorteil weiblich kategorisierter Personen beim Erkennen nonverbaler Emotionen. Wodurch dieser Unterschied entsteht, beantwortet sie nicht. Emotionserkennung ist außerdem nur ein Teil dessen, was unter Empathie verstanden wird. Thompson & Voyer, 2014
🟠 Neurofacetten-Einordnung
Für mich ergibt sich daraus vor allem eine Aufforderung zur Genauigkeit: Ein Selbstbild, eine erkennbare Fähigkeit und die Wirkung auf andere sollten jeweils benannt werden.
Wer sagt „Frauen sind empathischer“, lässt häufig offen, welcher dieser Gegenstände überhaupt gemeint ist.
Wenn Aufmerksamkeit zur Zuständigkeit wird
🟠 Neurofacetten-Einordnung
Besonders interessiert mich die Grenze zwischen einer Fähigkeit und der Erwartung, sie jederzeit einzusetzen.
Es macht einen Unterschied, ob ein Mensch Bedürfnisse gut wahrnehmen kann oder ob er sich dafür verantwortlich fühlen soll, sie ständig vorauszusehen. Ebenso macht es einen Unterschied, ob Fürsorglichkeit Anerkennung erhält oder als selbstverständlich gilt.
Wie würden wir eine praktische Hilfe bewerten, wenn wir sie von einer Person kaum erwartet hätten? Und wie dieselbe Hilfe, wenn wir ohnehin davon ausgehen, dass diese Person mitdenkt?
Diese Fragen sind keine bereits belegten Antworten auf geschlechtliche Unterschiede in Empathieurteilen. Sie machen sichtbar, welche Erwartungen wir untersuchen müssten.
🟣 Qualitative Forschung · begrenzte Übertragbarkeit
Einen benachbarten Bereich untersuchte Allison Daminger: die kognitive Arbeit des Haushalts. Dazu gehören das Voraussehen von Bedürfnissen, das Suchen nach Möglichkeiten und das Nachhalten von Aufgaben. In ihrer Interviewstudie mit Mitgliedern von 35 Paaren übernahmen Frauen mehr Vorausdenken und Nachhalten. Das war keine Empathiestudie und keine Untersuchung speziell zu Autismus oder ADHS. Daminger, 2019
🟠 Neurofacetten-Einordnung
Gerade diese Abgrenzung finde ich wichtig. Wer viel Verantwortung für andere übernimmt, muss deshalb nicht grundsätzlich mehr mitfühlen. Sichtbare Aufmerksamkeit kann auch Arbeit sein.
Und Arbeit sollte als solche erkennbar bleiben, statt allein als persönliche Begabung zu gelten.
Was das mit Autismus und ADHS zu tun haben könnte
🟣 Erfahrungswissen · qualitativ untersucht
In Interviews mit spät diagnostizierten autistischen Frauen beschrieben Teilnehmende Anpassung und Spannungen zwischen ihrem Erleben und traditionellen Weiblichkeitserwartungen. Eine qualitative Studie mit Frauen mit ADHS dokumentierte ebenfalls geschlechtlich geprägtes Stigma und Diagnosebarrieren. Diese Arbeiten erschließen konkrete Erfahrungen. Sie zeigen nicht, wie häufig sie vorkommen oder ob sie ausschließlich Frauen betreffen. Bargiela et al., 2016, Bradley et al., 2025
🟠 Neurofacetten-Einordnung
Hier liegt für mich eine wichtige Verbindung zur Empathiefrage.
Wenn von einer Person erwartet wird, Stimmungen vorauszuahnen, passende Worte zu finden und Beziehungen aufmerksam zu pflegen, können Schwierigkeiten in diesen Bereichen eine zusätzliche Bedeutung bekommen. Ein übersehener Hinweis wird dann womöglich als Gleichgültigkeit verstanden. Eine direkte Antwort als fehlende Anteilnahme. Ein vergessener Termin als mangelndes Interesse.
Das sind mögliche Deutungen und erfundene Beispiele, keine Studienergebnisse.
Wir sollten prüfen, ob solche Bewertungen je nach zugeschriebenem Geschlecht unterschiedlich ausfallen. Aus der bisherigen Forschung folgt noch nicht, dass derselbe neurodivergente Ausdruck überall nach demselben geschlechtlichen Muster beurteilt wird.
Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, autistische Frauen seien grundsätzlich besser angepasst oder Menschen mit ADHS grundsätzlich besonders mitfühlend.
Die Wirkung zählt – und das Urteil darf konkret bleiben
🟠 Neurofacetten-Einordnung
Diese Perspektive soll niemandem die Erfahrung absprechen, sich nicht verstanden zu fühlen.
Eine gut gemeinte Antwort kann unpassend sein. Praktische Hilfe kann am eigentlichen Bedürfnis vorbeigehen. Wer Unterstützung braucht, darf sagen, was gefehlt hat.
Ich halte aber einen Unterschied für entscheidend:
„Deine Antwort hat mir gerade nicht geholfen“ beschreibt eine konkrete Erfahrung.
„Du bist unempathisch“ macht daraus ein weitreichendes Urteil über die Person.
Konkrete Rückmeldungen eröffnen eher die Möglichkeit, etwas zu verändern. Sie lassen auch Raum für die Frage, welche Informationen fehlten, was erwartet wurde und welche Reaktion gerade möglich war.
Dabei darf Verantwortung nicht einseitig werden. Die Person, deren Anteilnahme anders aussieht, muss sich nicht unbegrenzt erklären und anpassen. Die andere Person muss ihre Bedürfnisse ebenso wenig aufgeben.
Welchen Maßstab wollen wir anlegen?
🟠 Neurofacetten-Position
Ich wünsche mir einen Umgang mit Empathie, der weniger schnell den Charakter eines Menschen festlegt.
Dazu gehört, die eigenen Erwartungen zu prüfen: Erwarte ich Mitgefühl, eine bestimmte Ausdrucksweise oder die Übernahme von Verantwortung? Habe ich mein Bedürfnis ausgesprochen? Würde ich dieselbe Reaktion bei einer anderen Person ebenso bewerten?
Auch eine erlernte Reaktion kann aufrichtig sein. Auch eine ungewohnte Reaktion kann Anteilnahme ausdrücken. Entscheidend bleibt, ob Menschen einander verstehen und Unterstützung miteinander aushandeln können.
Wer als empathisch gilt, sollte deshalb nicht allein davon abhängen, wie vertraut uns seine Form der Zuwendung erscheint.
Wissensstatus dieses Beitrags
Dieser Text ist ein Meinungsartikel. Die mit Neurofacetten-Einordnung oder Neurofacetten-Position gekennzeichneten Passagen enthalten eigene Überlegungen und normative Schlussfolgerungen.
Die Forschung stützt einzelne Bausteine: die Lernbarkeit bestimmter Fähigkeiten, kontextabhängigen Emotionsausdruck und Zusammenhänge zwischen Rollenorientierung und Empathieselbstberichten. Qualitative Studien dokumentieren Erfahrungen mit geschlechtlichen Erwartungen.
Die übergreifende Hypothese, dass geschlechtliche Sozialisation Empathiezuschreibungen bei Autismus und ADHS mitprägt, bleibt damit eine offene Forschungsfrage.
Fachliche Grundlagen und Vertiefung
Was kognitive und affektive Empathie unterscheidet und welche Grenzen Empathiemessungen haben, erklärt „Empathie bei Autist:innen: Mehr als eine Frage des Mitgefühls“.
Das Dossier „Geschlecht, Sozialisation und Neurodivergenz“ vertieft die Forschung zu Autismus, ADHS und geschlechtlichen Erwartungen. Es bildet eine fachliche Grundlage für die hier entwickelte Position; die übergreifende Empathie-Hypothese bleibt offen.
Quellen und Literatur
Teding van Berkhout, E., & Malouff, J. M. (2016). The efficacy of empathy training: A meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Counseling Psychology, 63(1), 32–41. Originalpublikation
Chaplin, T. M., & Aldao, A. (2013). Gender differences in emotion expression in children: A meta-analytic review. Psychological Bulletin, 139(4), 735–765. Originalpublikation
Löffler, C. S., & Greitemeyer, T. (2023). Are women the more empathetic gender? The effects of gender role expectations. Current Psychology, 42, 220–231. Online zuerst 2021 veröffentlicht. Originalpublikation
Thompson, A. E., & Voyer, D. (2014). Sex differences in the ability to recognise non-verbal displays of emotion: A meta-analysis. Cognition and Emotion, 28(7), 1164–1195. Originalpublikation
Daminger, A. (2019). The cognitive dimension of household labor. American Sociological Review, 84(4), 609–633. Originalpublikation
Bargiela, S., Steward, R., & Mandy, W. (2016). The experiences of late-diagnosed women with autism spectrum conditions: An investigation of the female autism phenotype. Journal of Autism and Developmental Disorders, 46(10), 3281–3294. Originalpublikation
Bradley, S., Parzych, I., Platts, J., & Powell, L. (2025). Understanding and harnessing differences in women with ADHD: A qualitative study. Neurodiversity, 3. Originalpublikation
Grundlage: Neurofacetten-Dossier „Geschlecht, Sozialisation und Neurodivergenz“. Quellenstand: 18. Oktober 2026.
Zum Weiterdenken
- Welche Formen von Anteilnahme erkenne ich leicht – und welche könnte ich übersehen, weil sie mir weniger vertraut sind?
- Würde ich dieselbe Reaktion bei einer Person mit einem anderen zugeschriebenen Geschlecht ebenso bewerten?
- Wie können wir benennen, was uns in einer Begegnung gefehlt hat, und zugleich die Möglichkeiten und Grenzen beider Personen berücksichtigen?
Weitere gesellschaftliche Fragen und begründete Positionen findest du in der Rubrik Perspektiven.
